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Heinz
Drews
Hamburg, 26. Juni 2009
Trittauer Amtsweg 42
22179 Hamburg
Frank Walter Steinmeier
Werderscher Markt 1
10117 Berlin
Lieber Frank Walter Steinmeier!
Heute schreibe ich Dir nicht in Deiner
Eigenschaft als Bundesaußenminister, sondern als Parteigenosse.
Am 13. Februar 2009 hatten wir ein Gespräch am
Rande der Veranstaltung, die zuvor in der Handwerkskammer Hamburg
stattgefunden hatte.
Bevor ich mein Anliegen ausbreite, erlaube ich
mir den Hinweis auf folgende als Ablichtung beigefügte Schriftstücke:
-Schreiben an Franz Müntefering vom 2. März 2009
- Schreiben an Franz Müntefering vom 21. April
2009
Mit Franz Müntefering habe ich am 23. Februar
2009 kurz gesprochen im Kurt-Schumacher-Haus in Hamburg. Wir waren
übereingekommen, einen schriftlichen Meinungsaustausch zu führen.
Im Januar 2008 und 2009 habe ich an der Wahl zum
Studierendenparlament teilgenommen. Dazu füge ich eine Broschüre bei mit
einem von mir verfassten Artikel sowie ein von mir verfasstes
Flugblatt. Mir geht es um ein Geschichtsbild, in dem nicht der Geist der
Vergeltung herrscht. Die gegenwärtige Politik wird von einer
Geschichtsinterpretation beherrscht, die einem Vergeltungsdenken
Vorschub leistet. Ich habe dazu die Veröffentlichung einer Stellungnahme
aus dem „Vorwärts“ vom November 2006 beigefügt. Es geht darum einer
Geschichtsdarstellung entgegen zu wirken, in der die gesamte deutsche
Geschichte auf Adolf Hitler zugeschnitten ist.
Im März 2009 habe ich mein Geschichtsstudium
erfolgreich abgeschlossen. Das Thema der Magisterarbeit lautete: Die
Verbindung von nationaler und sozialer Problematik in der frühen
deutschen Arbeiterbewegung (1860 Jahre bis 1875)
Im kommenden Wintersemester 2009 beabsichtige
ich, mit dem Promotionsstudium zu beginnen. Die nötigen Formalitäten
sind erledigt. Es ist daran gedacht den Volksstaat in den Mittelpunkt
der Arbeit zu stellen. „Der Volksstaat“ ist zugleich auch der Name für
das Presseorgan der „Sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaften“
von 1869 bis 1875.
Da gibt es eine Fülle von Bezugspunkten zum
Staats- und Geschichtsverständnis der frühen deutschen Arbeiterbewegung
mit all ihren Gegensätzen und Widerständen. Es ist nicht meine Absicht,
die in Aussicht genommene Arbeit zu aktualisieren. Ludwig Erhard hat
einmal sinngemäß geäußert, mit der Sozialen Markwirtschaft sei das Ziel
der klassenlosen Gesellschaft in greifbare Nähe gerückt. Nicht das
Ludwig Erhard je Marxist gewesen wäre, aber mit dieser Äußerung hat er
die klassenlose Gesellschaft als ein erstrebenswertes Ideal anerkannt.
Am 13. Februar haben wir auch über die Situation
in Togo gesprochen. Meine Frau aus Togo ist am 1. Juli 2006 nach
Deutschland eingereist., versehen mit einem Visum der Deutschen
Botschaft in Togo. Es ist unfassbar, was meine Frau und ich davor und
danach erleben mussten. Die politischen Unruhen in Togo begannen
unmittelbar nach meiner Abreise aus Togo im Februar 2005. Ende April
2005 wurde das Goetheinstitut in Lomé durch Brandanschlag völlig
zerstört, und alle Deutschen wurden aus dem Lande vertrieben. Der
Brandanschlag wurde hernach von einem Sprecher der togolesischen
Regierung ausdrücklich gerechtfertigt. So wurde es in dem
französischsprachigen Fernsehkanal TV5 dargestellt. Ein deutscher
Protest hat nicht stattgefunden, wie jetzt gegenüber dem Iran, obwohl
deutsche Staatsbürger nicht in dem Maße betroffen sind, wie seinerzeit
in Togo. In Togo hat die Armee mit scharfer Munition in die
demonstrierende Menge geschossen. Achthundert Tote waren das Ergebnis.
Vierzig bis Sechzigtausend waren in die Nachbarländer Ghana und Benin
geflüchtet.
Was ich zu dem angesprochenen Zeitraum mit der
Deutschen Botschaft in Togo erlebt habe, ist unbegreiflich und verdient
kein Verständnis. Das war geradezu eine Unterwürfigkeit gegenüber einer
afrikanischen Militärdiktatur. Hinter alledem aber steht die
französische Politik. In Togo im Jahre 2005 hat die französische Politik
klargestellt, wie sie wirklich über die deutsch-französische
Freundschaft denkt. Ich habe gegenüber der Französischen Botschaft in
Berlin mehrfach deutlich Stellung bezogen. Ich habe einiges
Informationsmaterial in französischer Sprache zusammengetragen, das ich
demnächst der Französischen Botschaft übermitteln werde. Niemand will
das alte Feindbild wieder erneuern, aber solche und andere Ereignisse
können und dürfen nicht widerspruchslos hingenommen werden.
Die Republik Togo ist ein unabhängiger Staat, und
wenn dieser Staat zur Bundesrepublik Deutschland in Beziehung treten
möchte, dann hat keine Macht der Welt das Recht sich mit Gewalt und
militärischer Gewalt dazwischen zu drängen. Die deutsche und
französische Politik haben sich bisher zu einer solchen Erkenntnis nicht
durchringen können. Dem Denken in Kategorien der Kolonialzeit muss ein
Ende gesetzt werden.
Meine Frau und ich haben seit ihrer Einreise
hier in Deutschland Erfahrungen machen müssen, dass wir uns fragen
mussten, ob wir in Togo leben oder im Geltungsbereich des Grundgesetzes.
Kürzlich hat ein vergleichsweise harmloses Ereignis stattgefunden. Ein
Brief aus Frankreich, der an mich gerichtet war, ist geöffnet, wichtige
Dokumente sind entnommen worden, und in einem anderen Briefumschlag nach
Frankreich zurückgesandt worden. Ein persönlich an mich gerichteter
Brief hat mich nicht erreicht, er ist „verschwunden“. Ich bin nicht
bereit solche Verfahrensweisen widerspruchslos hinzunehmen, und ich
erwarte Bewegung in der Sache. Eine Bewegung zum Guten.
Meine Frau und die Familienangehörigen in
Deutschland und in Togo leben in ständiger Angst auch, weil ich mit der
politischen Entwicklung in Togo intensiv an die Öffentlichkeit gegangen
bin. Ich werde unaufhörlich darauf dringen, diesen Zustand zu beenden,
er ist unzumutbar und unerträglich. Meine Frau und ich sind einer
Beobachtung unterworfen, und der Arm dazu reicht bis in die Republik
Togo.
In der Zeitschrift der Deutsch-Togolesischen
–Gesellschaft sind der Bundesaußenminister, der im Februar 2007 Togo
besucht hat, und der Präsident der Republik Togo, Faure Gnassingbé,
abgebildet, aus vollem Herzen lachend.
Aber, was sich in Afrika dartut, darüber gibt es
nichts zu lachen. Michael Müller hat auf dem Sonderparteitag am 14. Juni
auf die Situation in Afrika hingewiesen mit der Feststellung, 270
Millionen Menschen seien auf dem afrikanischen Kontinent vom Hungertode
bedroht. Er ist der einzige, der auf Parteitagen afrikanische
Verhältnisse ins Licht rückt.
Hunderte Leichen sind in den letzten Wochen an
die afrikanischen Küsten gespült worden. Die Kap Anamour, die das
verhindern wollte, ist in einen italienischen Hafen geschleppt, und der
Kapitän in Deutschland vor Gericht gestellt worden.
Noch einmal zurück zu deutschen Verhältnissen.
310 Milliarden Euro Schulden sollen bis 2013 aufgenommen werden.
Nahezu 500 Milliarden sollen zur Rettung von
Banken und Unternehmen aufgewendet werden. Die Bundeskanzlerin hatte
sogar ein Paket von einer Billion im Angebot. Wo kommt plötzlich das
viele Geld her? „Die Linke“ hat für ihr Sozialprogramm nur einen
Bruchteil dieser Summen gefordert und ist dafür als unseriös und
populistisch abqualifiziert worden.
GG(Großes Geld) versus GG(Grundgesetz)
In dem System, dem die Weltwirtschaft unterworfen
ist, lassen sich freier Wettbewerb, freie Marktwirtschaft und
Demokratie, die den Namen auch wirklich verdient, nicht
verwirklichen.
Wir erleben einen Wirtschaftskrieg, vergleichbar
dem Wirtschaftskrieg zwischen den beiden Weltkriegen im vorigen
Jahrhundert.
Das Große Geld hat die Weimarer Republik
verhungern lassen und Hitler die Taschen voll gestopft, vergessen wir
das nicht.
So weit darf es nicht noch einmal kommen. Staat
und Gesellschaft dürfen nicht dem Diktat des Finanzkapitals unterworfen
werden.
Die SPD hat sich als einzige Partei in der
Weimarer Republik einer solchen Entwicklung entgegengestellt, was schon
vor dem 5. März 1933 Verfolgung und Massenverhaftungen unter den
Sozialdemokraten im ganzen Deutschen Reich ausgelöst hat. Internationale
Proteste hat es nicht gegeben. Es hat sie nicht einmal von
sozialdemokratischer Seite außerhalb Deutschlands gegeben. Der Geist,
der Sozialdemokraten einmal beflügelt hat, Leib und Leben einzusetzen,
um sozialem und politischem Unrecht zu widerstehen, ist in der Partei
erloschen. Ohne diesen politischen Bekennermut hätte die
Sozialdemokratie in der deutschen Geschichte nie eine Bedeutung erlangt.
Die Wohlstands- SPD von heute will davon nichts mehr wissen.
Die Äußerungen, die Franz Müntefering und Peer
Steinbrück unlängst öffentlich kundgetan haben waren nicht wohl
überlegt. Am wenigsten passte das Bild von den Indianern und der
Kavallerie in die politische Landschaft. Die Dezimierung der
amerikanischen Urbevölkerung auch vermittels Kavallerie ist kein
Ruhmesblatt in der Menschheitsgeschichte.
Sozialdemokratische Politiker sollten nicht durch
leichtfertige Äußerungen unnötig Angriffsflächen bieten. Der
Luxemburgische Ministerpräsident, Jean Claude Juncker, hatte bei Anne
Will noch auf die Wirtschaftskrise hingewiesen, die 1929 ausgelöst
worden war, mit der Feststellung, sie habe zum Zweiten Weltkrieg
geführt. Nach den Äußerungen von Franz Müntefering(früher hätte man
Soldaten geschickt) und Peer Steinbrück hat der Luxemburgische
Ministerpräsident dann auf die NS-Herrschaft in Luxemburg abgehoben.
Leichtfertige Äußerungen Kaiser Wilhelm II. haben
Deutschlands Gegnern Angriffsflächen geboten, die hätten vermieden
werden können. Aber Kaiser Wilhelm II war nicht das kriegs- treibende
Monster, als den ihn die Geschichtsschreibung besonders nach dem Zweiten
Weltkrieg gerne hingestellt hat. Als das zaristische Russland 1905 mit
Japan im Kriege lag, hatten britische Presseorgane das Gerücht
verbreitet, Deutschland werde die Gelegenheit nutzen und zuschlagen. Als
der Generalstabschef Schlieffen dem Kaiser solche Presseberichte vor
Augen hielt, hat der Kaiser darauf mit der Bemerkung reagiert, nie werde
er zu so etwas fähig sein. Bis zuletzt hat er seinen Cousin, Zar
Nikolaus II., in Briefen flehentlich gebeten, von einer Kriegspolitik
Abstand zu nehmen.
Friedrich Ebert wollte nach dem Ersten
Weltkrieg die Monarchie beibehalten. Dabei ging es nicht um Kaiser
Wilhelm II oder den Kronprinzen, sondern um die Monarchie als
Staatsform. Friedrich Ebert ist damit gescheitert. Seine Bemühungen sind
durch konservative Verblendung zu Fall gebracht worden. Aber das war
erst der Anfang; diese Verblendung sollte etwas mehr als zehn Jahre
später ihren Höhepunkt erreichen. Die Frage, ob ein Erhalt der Monarchie
das große Unheil verhindert hätte, können wir nur hypothetisch
beantworten.
Anfang der Dreißiger Jahre des vorigen
Jahrhunderts ist es zu Verhandlungen gekommen zwischen Nazigrößen und
Wilhelm II. über die Wiedereinführung der Monarchie. Die Verhandlungen
sind gescheitert, Wilhelm II war nicht bereit sich den Nazis als
Marionette zur Verfügung zu stellen. Die Deutschen werden die
Hakenkreuzfahne noch einmal verfluchen, hat er danach geäußert. Eine
Wahrhaft prophetische Aussage. Er hat auch das Pogrom vom 9. November
1938 scharf verurteilt, was immer Wilhelm der Plötzliche auch sonst
geäußert haben mag. Zum Schluss, vor seinem Tod 1941, hat er
testamentarisch verfügt, dass seine sterblichen Überreste nicht nach
Deutschland überführt werden dürften.
Diesen kleinen Ausflug in die Geschichte habe ich
unternommen aus den zum Eingang dieses Schreibens genannten Gründen.
Die Wirtschaftskrise zwischen den beiden
Weltkriegen im vorigen Jahrhundert hatte eine wesentliche Ursache in
einer gigantischen Staatsverschuldung, vergleichbar der gegenwärtigen
Situation. Die Schuldenuhr tickt im Sekundentakt. Trotzdem soll die
staatliche Kreditaufnahme ab 2016 begrenzt werden. Die dazu nötigen
gesetzlichen Bestimmungen sind sogar verfassungsrechtlich
festgeschrieben worden. Soll damit der Einstieg in eine
Deflationspolitik erfolgen? Das wäre dann wirklich tödlich.
Am letzten Wochenende hat „Die Linke“ ihren
Parteitag abgehalten, den ich aufmerksam verfolgt habe. Ich halte die
Entscheidung unserer Parteileitung, „Die Linke“ auszugrenzen. Verbunden
ist damit ein Feindbild, das dem konservativen Feindbild in seinen
Ausdrücken bedenklich nahe kommt. Diese unsachgemäße Form der
Auseinandersetzung muss korrigiert werden. SPD und Linke sollten
aufeinander zugehen. Dazu greife ich einen Punkt heraus, der kontrovers
ist, und die Außenpolitik betrifft. Die Auslandseinsätze der Bundeswehr
sollten an die Forderung gekoppelt werden, die UNO umfassend zu
reformieren, um die Weltorganisation zu einem wirklich wirksamen
Instrumentarium zu gestalten, Krisen zu bewältigen und Krisenherde
auszutrocknen. Mit dem Gedanken könnte sich die Linke möglicherweise
anfreunden. Das ist nur ein Beispiel, dem viele andere hinzugefügt
werden könnten. Es wird schwer werden, das noch vor der Bundestagswahl
hinzubekommen. Wir können uns keine persönlichen Animositäten mehr
erlauben, wenn es am 27. September gelingen soll.
Einem Teletext im Fernsehen habe ich die
Nachricht entnommen, Gerhard Schröder habe sich lobend über das
Krisenmanagement der Bundeskanzlerin geäußert und das „Hilfspaket“ zur
Rettung von Banken und Unternehmen als gute Entscheidung gewertet.
Sollte die Nachricht zutreffen, fände ich das befremdlich. Es gibt
keinen Anlass, die Partei Angela Merkel in die Hände zu treiben. Sollte
Gerhard Schröder diese Äußerungen tatsächlich gemacht haben, dann hat er
damit die Agenda 2010 und Hartz IV der Fragwürdigkeit ausgeliefert. Es
ist ja nicht das erste Mal, dass den Banken zwei und dreistellige
Milliardenbeträge zugeschanzt worden sind in der naiven Hoffnung, solche
Maßnahmen werden zu Investitionen führen. Das Geld ist in die
Spekulation geflossen, und ob die Entwicklung jetzt anders verlaufen
wird, dafür gibt es keine Anzeichen.
SPD und Grüne haben der weiteren Stationierung
amerikanischer Atomwaffen auf dem Territorium der Bundesrepublik
Deutschland zugestimmt, nur „Die Linke“ war im Bundestag dagegen. Wer
angesichts der Vorgänge in Georgien in jüngster Vergangenheit dort Nato-
Manöver abhalten lässt, der spielt mit dem Feuer, und zwar mit atomarem
Feuer. Die amerikanischen Atomwaffen auf deutschem Boden stellen ein
Gefahrenpotential dar, dem Deutschland nach der Wiedervereinigung gerade
erst entronnen schien.
Diese Atomwaffen könnten sich zu einem
Gefahrenherd entwickeln, der die friedliche Nutzung der Atomkraft
übertrifft.
Ein Bundestagsabgeordneter hat mir auf meine
Frage, was geschehe, wenn der Ausstieg aus der Atomkraft vollendet ist,
geantwortet: „Dann gehen wir ans französische Netz.“ Der Ausstieg aus
der Atomkraft hat nur dann Sinn, wenn alle mitmachen, und das ist nicht
in Sicht. Die naive Hoffnung, andere würden dem guten deutschen Beispiel
folgen, hat sich nicht erfüllt. Wenn Deutschland aus den Skandinavischen
Ländern Ökostrom bezieht, und sich dort die Kapazitäten erschöpfen, wird
französischer Atomstrom nachgeliefert.
Vor einigen Jahrzehnten wurde in Deutschland ein
mit Atomkraft betriebenes Handelsschiff gebaut, die „Otto Hahn“. Das
Schiff wurde nach Fertigstellung abgewrackt aus Sicherheitsgründen, wie
uns treuherzig versichert wurde. Die Ozeane sind voll mit Atomkraft
betriebenen U- Booten. Die amerikanischen Flugzeugträger- schwimmende
Kleinstädte- werden mit Atomkraft betrieben. Eisbrecher im Nordmeer
werden mit Atomkraft betrieben, gar nicht zu reden von Atomaren
Unterseebooten, die in russischen Kriegshäfen vor sich hinrosten. Wenn
die deutsche Atomausstiegspolitik ehrlich und aufrichtig gemeint sein
soll, dann müsste sie glaubwürdigere Argumente liefern.
Unsere Partei nähert sich in den Umfragewerten
bedenklich der Marke von 19,8%. Die Sozialdemokraten hatten während der
Zeit des Sozialistengesetzes von 1878 bis 1890 bei Reichstagswahlen
ihren Stimmenanteil kontinuierlich von 7,6%, 1878 auf 19,8%, 1890
gesteigert. Nicht, dass es demnächst heißen muss, das schlechteste
Wahlergebnis seit nahezu 120 Jahren.
Wilhelm Liebknecht und August Bebel gehörten zu
den schärfsten Kritikern der Politik Otto von Bismarcks. Das alles hat
Edmund Stoiber am 5. März 2003 nicht davon abhalten können, die SPD zu
bezichtigen, sie beschritte den „Deutschen Sonderweg“, und sie so in die
Nähe des Kaiserreiches und der NSDAP gerückt. Mit solcher massiven
Geschichtsfälschung wollte Edmund Stoiber sich offenbar bei den
Amerikaner beliebt machen. Die Amerikaner verachten solche Liebedienerei
im tiefsten Grunde ihres Herzens, nur deutsche Politiker merken das
zumeist nicht.
Aufgrund historischer Gegebenheiten hat die
Sozialdemokratie nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, den
Menschen in Deutschland Selbstbewusstsein und die Zuversicht und Kraft
zu einer alternativen Politik einzuflössen.
Mit besten Wünschen und Grüßen
Heinz Drews 
Heinz
Drews
Hamburg, den 2. März 2009
Trittauer Amtsweg 42
22179 Hamburg
Herrn
Franz Müntefering
Bundesvorsitzender der Sozial Demokratischen Partei
Deutschlands
Willy-Brandt-Haus
Wilhelmstraße 140
10963 Berlin
Lieber Franz Müntefering!
Am Montag, den 23. Februar 2009, haben wir im
Anschluss an Deinen Vortrag im Kurt-Schumacherhaus kurz mit einander
gesprochen und vereinbart, dass ich Dir mein Anliegen schriftlich
vortrage.
Der Vortrag und die
Veranstaltung insgesamt haben mir sehr gefallen. Gut
sozialdemokratisch. Was da zum Ausdruck kam trifft den Kern der Sache.
Es muss verhindert werden, dass die Gesellschaft durch eine Diktatur des
„Großen Geldes“ dirigiert und manipuliert wird, wie es im vorigen
Jahrhundert geschehen ist. Was hier für den Bereich der Politik gilt,
das gilt auch für den sozialen Bereich.
Ich habe Ausschnitte
einer Rede im Fernsehen mit verfolgt, die Frank Walter Steinmeier vor
den Opelanern in Rüsselsheim gehalten hat. Das war nicht
staatsmännisch, das war richtig sozialdemokratisch, und so muss es auch
sein.
Heute kann ich nur in
aller Kürze einige Mitteilungen machen, denn ich stehe ein wenig unter
Dampf. Ich habe am 18. März meine letzte Prüfung für das
Magisterabschlussexamen an der Universität Hamburg in Geschichte. Danach
möchte ich noch einmal schreiben und etwas weiter ausholen. Das wird
nötig sein zum besseren Verständnis des Gesamtzusammenhanges.
Aus diesem Grunde
erlaube ich mir zunächst den Hinweis auf folgende Schreiben und
Schriftstücke, die ich als Ablichtungen beigefügt habe:
-Schreiben vom 19.
Februar 2009 an den SPD-Landesvorstand der Freien und Hansestadt
Hamburg.
-Schreiben vom 20.
November 2006 an die Botschaft der Republik Polen mit dem
Antwortschreiben der Polnischen Botschaft vom 29. November 2006 und der
darauf von mir erfolgten Erwiderung vom 14. Dezember 2006.
-Schreiben vom 3.
Dezember 2008 an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
-Broschüre zur Wahl des
Studierendenparlamentes der Universität Hamburg im Januar 2009.
Der Broschüre enthält
einen von mir verfassten Beitrag. Außerdem ist der Broschüre ein von mir
entworfenes Flugblatt beigefügt.
Die beigefügten
Informationen möchte ich mit einer kurzen Kommentierung versehen.
Mit meinem Schreiben an
den Hamburger SPD-Landesvorstand verbinde ich eine Hoffnung, die
Hoffnung auf einen innerparteilichen Dialog, der die Geschlossenheit
wieder herstellt. Es sind auf diesem Wege Fortschritte gemacht worden,
dennoch müsste noch einiges bewerkstelligt werden. Ich denke dabei an
Kurt Beck, an Wolfgang Clement und an „Die Linke“. Bodo Ramelow hat
sich unlängst durch Äußerungen bemerkbar gemacht, die mit einem
verfassungsrechtlichen Gefahrenpotential in Verbindung gebracht werden
könnten. Er war nicht bereit die DDR als Unrechtsstaat zu betrachten.
Aber die Dinge dürfen nicht einer einseitigen Betrachtung unterzogen
werden. Es gibt dazu ein Gegenstück auf dem rechten politischen
Spektrum, in dem immer wieder betont wird, es sei zur Mitte hin
orientiert. Es ist noch gar nicht so lange her, da wurden merkwürdige
Ansichten zum Foltereinsatz öffentlich geäußert.
Als das
Bundesverfassungsgericht vor einiger Zeit in einem Urteil den Abschuss
von terrorverdächtigen Flugzeugen für verfassungswidrig erklärte, da
wurden Stimmen laut, die einer Aufforderung zum Verfassungsbruch sehr
nahe kamen, um es gelinde zu sagen.
Es gilt Obacht zu geben,
damit nicht Osama bin Laden für das 21. Jahrhundert das wird, was George
Sand für das 19. Jahrhundert, und Marinus van der Lubbe für das 20.
Jahrhundert geworden sind. Der Wächter auf dem Turm muss nach allen
Richtungen Ausschau halten, und wenn nötig ins Horn blasen, und zwar
kräftig, dass es alle hören.
Die notwendige
Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit betrachte ich etwas differenzierter.
Ich habe nämlich über Jahrzehnte hinweg Erfahrungen sammeln müssen mit
Diktaturen und Machenschaften westlichen Zuschnitts. Ich war zwar nie
inhaftiert und bin auch nicht gefoltert worden, aber was mir ansonsten
widerfahren ist, das war reichlich bemessen, und ein Ende ist noch nicht
abzusehen. Ich darf dazu hinweisen auf das oben erwähnte Schreiben an
den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.
Im April 1967 wurde in
Griechenland eine Militärdiktatur errichtet, die bis 1974 währte,
verbunden mit bestialischen Folterungen in den Gefängnissen der
griechischen Militärpolizei. Die Rollkommandos der griechischen Diktatur
waren damals auch in Deutschland unter den in Deutschland lebenden und
arbeitenden griechischen Staatsbürgern aktiv, ohne dass die deutsche
Seite daraus Konsequenzen gezogen hätte. Die einzige Stimme, die ich zu
dem Zeitpunkt vernommen habe, war Günter Grass. Daran kann ich mich noch
erinnern wie sein Argument: „Was Griechenland für Amerika ist, das ist
die Tschechoslowakei für die Sowjet-Union“ im Fernsehen zur Darstellung
gelangte. 1974 erreichte eine prekäre Situation ihren Höhepunkt. In
Griechenland wurde zwar die Demokratie wieder hergestellt, aber es kam
zur türkischen Zyperninvasion, provoziert durch den zyprischen
Präsidenten Niko Samson, den „Killer-Präsidenten“ wie er genannt wurde.
Das war astreine CIA-Arbeit. Der Staat der griechischen Militärdiktatur
trug die offizielle Bezeichnung: „Griechenland Staat der Hellenen und
Christen“. Meine Kritik an solchen Entwicklungen hat mir viel
Feindschaft eingetragen. Das liegt alles schon mehr als drei Jahrzehnte
zurück, aber für mich hat sich bis zum heutigen Tage nicht viel
geändert. Diesmal geht es nicht um Griechenland, sondern um die
vergleichbare Situation in Togo, von der meine Frau aus Togo und ich
betroffen sind. Ich gebe dazu ein vergleichsweise harmloses Beispiel,
das erst wenige Tage zurückliegt.
Ein Schreiben von
Bekannten aus Frankreich, dem wichtige Dokumente beigegeben waren, ist
geöffnet worden, die Dokumente wurden herausgenommen, und in einem
anderen Briefumschlag nach Frankreich zurückgeschickt. Ein persönliches
Schreiben, das mit den Dokumenten an mich gerichtet war, ist
„verschwunden“.
Für mich besteht kein
Zweifel, hier haben deutsche und französische Individuen
zusammengearbeitet. Wie soll ich diesen Vorgang bewerten und einordnen?
Die französische Haltung, die mir unverständlich ist, und dazu die von
deutscher Seite bis zum Exzess betriebene Unterwürfigkeit. Zu einer
solchen Unterwürfigkeit besteht für die deutsche Politik kein Anlass,
insbesondere nicht für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands.
Das beziehe ich nicht
nur auf das, was mich persönlich betrifft, sondern auf die
Gesamtsituation. Was soll ich von dem vielen Gerede von der deutsch-
französischen Freundschaft halten, wenn die französische Politik ein
paar Schüler der deutschen Sprache in Togo schon als störend empfindet?
Am 13. Februar 2009 hatte ich ein
Gespräch mit Frank Walter Steinmeier nach einer Veranstaltung in der
Hamburger Handelskammer. Ich habe ihm die Situation geschildert, der
meine Frau und ich uns gegenübersehen. Er hat Grüße an meine Frau
ausrichten lassen, die eher ängstliche Empfindungen ausgelöst haben. Es
gibt da Verbindungen von Togo nach Deutschland und von Deutschland nach
Togo, die immer wieder Besorgnisse auslösen.
Ich habe gegenüber
unserem Außenminister einen weiteren Standpunkt geäußert: Togo ist ein
unabhängiger Staat, und wenn eine Regierung der Republik Togo bestrebt
ist, gute Beziehungen zu Deutschland herzustellen, dann hat keine Macht
der Welt das Recht gewaltsam dagegen vorzugehen. Denkkategorien der
Kolonialzeit oder historische Reminiszenzen, die damit in Zusammenhang
stehen, sind nicht hilfreich.
1993 hat die damalige
Bundesregierung die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Togo
eingeschränkt unter Hinweis auf Demokratiedefizite in diesem Land. Der
Hebel hätte eigentlich in Paris angesetzt werden müssen und nicht in
Lomé. Nun wäre es ungerecht für die Entwicklung auf dem afrikanischen
Kontinent, Frankreich als alleinigen Sündenbock auszumachen. Alle
Industrienationen sind daran beteiligt, insbesondere auch internationale
Großkonzerne. Diese Politik hat über Jahrzehnte hinweg zu einem
millionenfachen Morden auf dem afrikanischen Kontinent geführt. In
Afrika vollzieht sich ein Holocaust vor laufenden Fernsehkameras, und
niemand stört sich daran. Jeder denkt, ob groß, ob klein, die Hauptsache
es trifft mich nicht. Darauf hatte ich im August und September 1994 in
einem Schriftwechsel mit dem damals amtierenden Bundesaußenminister, Dr.
Klaus Kinkel, bereits hingewiesen.
Am 21. Juli 2008 habe
ich ein Schreiben in englischer Sprache an den amerikanischen
Präsidenten, George W. Bush, gerichtet, per Einschreiben mit
Rückantwort. Die Rückantwort habe ich erhalten.
Am 2. Februar 2009 ist
von mir ein ausführlicheres Schreiben in englischer Sprache an den
amerikanischen Präsidenten Barak Obama ergangen. Ebenfalls per
Einschreiben mit Rückantwort. Die Rückantwort ist überfällig, und mit
jedem Tag des Wartens erhärtet sich der Verdacht, dass dieses Schreiben
abgefangen worden ist. Ich werde noch ein wenig warten, und dann das
amerikanische Generalkonsulat aufsuchen. Große Hoffnungen verbinde ich
damit nicht. Sollte der Besuch ohne Ergebnis bleiben, werde ich eine
Kopie dieses Schreibens an Dich senden, mit der Bitte es an Frank Walter
Steinmeier weiter zu leiten. Ich werde nichts unversucht lassen, damit
Präsident Obama dieses Schreiben in die Hände bekommt. Es gibt offenbar
Leute, die gerade das verhindern möchten.
Abschließend möchte ich
noch ein paar Worte verlieren zu dem beigefügten Schriftwechsel mit der
polnischen Botschaft und der Broschüre zum Stupa- Wahlkampf an der
Universität Hamburg. Zwischen beiden soll ein Zusammenhang hergestellt
werden. In der Broschüre und dem beigefügten Flugblatt wird auf
Veröffentlichungen von mir hingewiesen und auf eine damit verbundene
politische Zielsetzung. Es geht nicht darum rechthaberisch zu
triumphieren, es geht um einen Dialog, und das ist in der Polnischen
Botschaft sehr gut verstanden worden, wie es das Schreiben der
Polnischen Botschaft vom 29. November 2006 ausweist. Wenige Wochen nach
diesem Schreiben hat die Bundeskanzlerin bei einem Treffen mit der
polnischen Regierung auf der Halbinsel Hela der polnischen Seite
zugesichert, die Geschichte werde nicht „umgeschrieben“. Darum geht es
auch gar nicht, aber es gibt historische Fakten, die unumstößlich
dastehen, und ich halte es nicht für gerechtfertigt, wenn solche Fakten
ausgeblendet werden, um ein bestimmtes Geschichtsbild zu erzwingen. Wo
das hinführt, haben die Ereignisse zwischen den beiden Weltkriegen im
vorigen Jahrhundert gezeigt.
Die Frau Bundeskanzlerin
hat ja auf ihrer Aschermittwochrede in Meckpomm verlauten lassen,
Deutschland werde aus der gegenwärtigen Finanzkrise stärker hervorgehen,
als es hineingegangen ist. Älteren unter uns werden solche Sprüche nicht
fremd vorkommen: Was uns nicht umwirft, macht uns noch stärker usw. usw.
Ich fände es gut, wenn
Frau Gesine Schwan es am 23. Mai schaffte; für Deutschland und Polen
wäre es sehr gut. Gegenwärtig sieht es nicht danach aus, aber bis zum
23. Mai kann sich noch manches ändern. Das ist kein Negativurteil für
den gegenwärtigen Bundespräsidenten. Was im ehemals deutschen Osten
geschehen ist, dafür sind nicht die polnische Politik und die Menschen
in Polen verantwortlich. Darum sollten Polen und Deutschland enger
zusammenrücken. Dafür gilt es die nötige Vertrauensbasis zu schaffen, in
Deutschland, in Polen und bei Polens östlichen Nachbarn und bei
Deutschlands westlichen Nachbarn.
Wenn mein Abschluss an
der Universität Hamburg gelingt, dann beabsichtige ich weiter zu machen
zu einem Thema, das die polnische Geschichte und die Geschichte seiner
östlichen Nachbarn betrifft. Eine Arbeit zur Brester Union von 1596.
Verschiedene Völker, verschiedene Staatsinteressen und verschiedene
Konfessionen treffen dort aufeinander.
Meine Prüfung musste ich
allerdings unter Umständen absolvieren, die einem optimalen Ergebnis
nicht förderlich waren.
Nationalstaatliches
Hegemoniestreben und Rivalitäten, die damit in Zusammenhang stehen, und
sich aus der europäischen Geschichte speisen, sollten ein Ende finden.
Erhalten bleiben sollte eine kulturelle Eigenständigkeit. In der
Slowakei sollen gesetzliche Bestimmungen das Eindringen
fremdsprachlicher Elemente verhindern. Auch in Frankreich gibt es eine
solche Gesetzgebung. Ich finde das Eindringen von Anglismen mit den
deutsch- englischen Mischformen aus Partizipien und Infinitiven
unerträglich. Das ist ein Wesenszug deutscher Mentalität, den es schon
oft in der deutschen Geschichte gegeben hat.
Einer der Heroen der
deutsch-preußischen Geschichte, Friedrich II., hat einmal kundgetan: :
„Deutsch spreche ich nur mit meinem Kutscher und meinen Hunden.“ Er
hatte so gar nichts Deutsches an sich, so wie ihn spätere Zeitgenossen
gerne gesehen hätten, der preußische König, dem die Welt Größe
bescheinigt hat, weder von der Statur her noch in seiner geistigen
Ausrichtung. Klein, ein wenig gebeugt, schäbig und nachlässig gekleidet,
so schildern ihn Zeitgenossen. Das Blut größerer und kleinerer
Fürstenhäuser quer über den europäischen Kontinent floss in den Adern
dieses Mannes. Damit wird die Aussage bestätigt: Preuße ist man durch
Bekenntnis, nicht durch Geblüt.
„Wir waren alle „fritzisch“
gesonnen“, so hat Goethe die Ereignisse der Zeit beschrieben. Als Goethe
1786 auf seiner Italienreise nach Sizilien gelangte, erreichte ihn die
Nachricht vom Tode des preußischen Königs. Er schreibt dazu in seiner
„Italienischen Reise“: „Wir hüteten uns wohl vom Tode Friedrichs zu
berichten, denn wir wollten uns nicht als Boten eines unglückseligen
Ereignisses unbeliebt machen.“ Goethe war sicher kein Überpreuße. Zu
solchen Darstellungen gehört natürlich immer auch eine kritische
Bestandsaufnahme.
Am 10. Dezember 1998
hatte ich ein ausführlicheres Gespräch mit Klaus von Dohnanyi anlässlich
einer Veranstaltung im Hotel „Vierjahreszeiten“. Der Streit zwischen dem
damals amtierenden Präsidenten des Zentralrates der Juden in
Deutschland; Ignaz Bubis, und Martin Walser war gerade aktuell. In dem
Gespräch hatte ich meine Sicht entwickelt, von Dohnanyi hatte das mit
Interesse aufgenommen und sogar einen Gesprächskreis vorgeschlagen. Ich
habe die Sache später aus den Augen verloren. Erst einige Jahre danach
bin ich darauf zurückgekommen in einem Schriftwechsel mit dem Hamburger
Senator für Bildung und Wissenschaft, Jörg Dräger. Klaus von Dohnanyi
hatte maßgeblich an der an der Reform der Studienabläufe und den
Organisationsstrukturen der Hamburger Universität mit gewirkt. Ich war
sehr gegen diese Reform. Bei sich bietenden Gelegenheiten, habe ich das
deutlich zu erkennen gegeben.
Ich war von der Befürchtung getrieben, die
geisteswissenschaftlichen Fächer könnten durch die Reform allzu sehr in
Mitleidenschaft gezogen werden, und die Befürchtung war nicht
unbegründet. Eine Gesellschaft, die sich nur auf materielle Werte
stützt, wird früher oder später scheitern.
Ich fände es nach wie
vor gut, wenn der Vorschlag Klaus von Dohnanyis, einen Gesprächskreis zu
begründen, sich verwirklichen ließe. Diskret und unverbindlich.
Es ist meine Absicht ein
Buch zu veröffentlichen, wenn ich das zeitlich hinbekomme. Die
Geschichte der Sozialdemokratie von 1860 bis 1875 soll dabei im
Mittelpunkt stehen und in einen gesamtgeschichtlichen Zusammenhang
gestellt werden.
Ich hoffe am 19. April
in Berlin zu sein.
Beste
Chancen für das Ringen um die Sozialdemokratische Partei Deutschlands
wünscht DirHeinz Drews
Heinz
Drews
Hamburg, den 21. April 2009
Trittauer Amtsweg 42
22179 Hamburg
Herrn
Franz Müntefering
Bundesvorsitzender der Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands
Wilhelmstraße 140
10963 Berlin
Lieber Franz Müntefering!
In Anlehnung an das
Schreiben, das ich am 2. März an dich gerichtet habe, mache ich heute,
wie versprochen, Fortsetzung.
Allem voran eine kleines
Verzeichnis innerparteilicher Stellungnahmen:
-Schreiben vom 21 März
2008 an Kurt Beck
-Schreiben vom 26.
September 2008 an den SPD-Landesvorstand Hamburg
-Schreiben vom 2.Januar
2009 an den SPD-Landesvorstand Hamburg
Die genannten Schreiben
werde ich zum Ende hin kurz kommentieren. Mir dieser Ankündigung sollen
mögliche Missverständnisse vermieden werden. Mit meiner kritischen
Haltung ist keine vernichtende Wirkung beabsichtigt. Ich bin auch offen
für Kritik.
Am 8. Mai 1985 hat
Bundespräsident Richard von Weizsäcker eine Rede gehalten zum
vierzigsten Jahrestag der deutschen Kapitulation. Die Rede hat über die
Grenzen Deutschlands hinaus Beachtung und Anerkennung gefunden. Ich war
mit meiner kritischen Stellungnahme zu dieser Rede im August 1985 die
große Ausnahme. Bundespräsident Weizsäcker hat dennoch mit einem
persönlichen Schreiben darauf reagiert.
Mit den nachfolgenden
Zeilen beabsichtige ich nicht, belehrend zu wirken, es geht um
Geschichtsbewusstsein. Das ist nicht nur für Deutschland notwendig,
sondern auch für Europa, das auf der Suche ist nach Einheit. Die
bisherigen europäischen Verfassungsentwürfe berücksichtigen den Gang der
europäischen Geschichte nur in unzulänglicher Weise, weshalb sie auch
immer wieder Unzufriedenheit auslösen. Es geht um einen
Selbstfindungsprozess, nicht darum, das Rad der Geschichte zurück zu
drehen.
Nach langer Zeit kann
ich einige gute Nachrichten verbreiten. Ich habe mein Geschichtsstudium
an der Universität Hamburg mit „Magister artium“ abgeschlossen zum
Thema: „Die Verbindung von nationaler Frage und sozialer Problematik in
der frühen deutschen Arbeiterbewegung(1869 bis 1875)“. So rückt die
Verwirklichung einiger Pläne näher. Es ist meine Absicht so schnell wie
möglich das Promotionsstudium zu beginnen.
Die kommenden Monate
möchte ich dazu verwenden über das Thema „Volksstaat“ zu arbeiten. Den
Titel habe ich der führenden Zeitung der Sozialdemokratie „Der
Volksstaat“ entnommen. Dazu müsste allerdings noch die Lizenzfrage
geklärt werden.
„Der Volksstaat“
fungierte als „Organ der sozial-demokratischen Arbeiterpartei und der
Gewerkschaften“ in dem Erscheinungszeitraum von 1869 bis 1875.
Neudrucke sind in den
Hamburger Bibliotheken erhältlich. Es ist meine Absicht, Staats- und
Geschichtsverständnis führender Sozialdemokraten in den Anfängen der
deutschen Arbeiterbewegung zur Darstellung zu bringen.
Staatsverständnisse der Antike, der Kirchenväter, der universale
Staatsgedanke des Mittelalters, die Zwei- Reiche- Lehre Martin Luthers,
die völkerrechtlichen Vorstellungen des Hugo Grotius, Staatsentwürfe der
englischen und amerikanischen Geschichte, besonders aber der
Französischen Revolution unter Einbeziehung Kants, Fichtes und Hegels.
Da öffnet sich ein ungewöhnlich breites Spektrum der Bezugnahme.. Karl
Marx und Friedrich Engels dürfen natürlich nicht fehlen.
Immanuel Kant hat der
republikanischen Staatsform dem monarchischem Staatsaufbau den Vorzug
gegeben. Wohl war er der Auffassung, dass Monarchie und Republik
zusammengehen könnten, er hielt aber die reine Republik für die bessere
Lösung.
Die Republik, so Kants
Auffassung, böte bessere Voraussetzungen, um den Frieden zu erhalten als
die Monarchien mit ihren dynastischen Kriegen. Kant hat einmal Recht
behalten, und einmal nicht. Heute gibt es in Europa eine Reihe von
Staaten, in denen Republik und Monarchie nebeneinander bestehen. Die
ersten Sozialdemokraten wie Wilhelm Liebknecht und August
Bebel haben das noch für unmöglich gehalten, und Ferdinand
Lassalle hatte mit Einschränkungen eine Möglichkeit gesehen.
In einem anderen Punkt
hat sich Kants Einschätzung nicht bewahrheitet. Der dynastische Friede,
der 1815 auf dem Wiener Kongress ausgehandelt wurde, hat Europa
einhundert Jahre vor einem flächendeckenden Massenvernichtungskrieg
bewahrt. Der Friede, der nach dem Ersten Weltkrieg von den
parlamentarischen Demokratien erzwungen wurde, hat zwanzig Jahre
gehalten, und Europa in die größte Katastrophe seiner Geschichte
gestürzt.
Hegel hatte ja im
Hinblick auf die Französische Revolution und die Formulierung der
Menschenrechte hoffnungsvoll geäußert, es ginge um den universalen
Staatsgedanken und den Menschen darin, unabhängig davon, ob er
Protestant, Katholik, Jude, Deutscher oder Italiener sei. Diese
zuversichtliche Einschätzung hat sich nicht erfüllt. Die Französische
Revolution hat zwar einen entscheidenden Anstoß zum demokratischen
Verfassungsstaat gegeben, gleichzeitig hat sie aber auch den
Nationalstaatsgedanken begründet mit all seinen unheilvollen
Auswirkungen.
England und Frankreich
haben bereits im späten Mittelalter die nationalstaatliche Komponente in
die europäischen Auseinandersetzungen hineingetragen. Bekannt ist dazu
die Äußerung John of Salisburys, einem Vorfahren Winston Churchills:
„Quis Teutonicus constituit judices nationum? ( Wer hat die Deutschen zu
Richtern über die Völker gesetzt?) Es ging dabei um die
Auseinandersetzung zwischen dem römischen Kaiser Friedrich I.
(Barbarossa) und Papst Alexander III. In den Auseinandersetzungen
zwischen Kaiser und Papst, die das Mittelalter geprägt haben, standen
nationalstaatliche Belange nicht im Vordergrund. Im Vordergrund standen
der universale Staatsgedanke und der Machtanspruch, den Kaiser und Papst
in Zusammenhang damit erhoben.
Der Kaisertitel gründete
nicht auf ein Erbkaisertum und war nicht an eine Nationalität gebunden.
Kaiser Karl V. zu Zeiten Martin Luthers war eher ein Spanier. König
Franz I. von Frankreich unterlag bei der Kaiserwahl Karl V. Der
Frühkapitalismus hatte bereits seine Zähne gezeigt, die Überzeugungen
waren wesentlich beeinflusst worden durch die Geldzuwendungen der Fugger
an die geistlichen weltlichen Kurfürsten, die zur Kaiserwahl berechtigt
waren.
Bismarck hat die 1871
die deutsche Einheit herbeigeführt. Es entstand das Zweite Deutsche
Kaiserreich.
In dem etwa zehnjährigen Zeitraum vor der
deutschen Einheit war die Sozialdemokratie gespalten in die Anhänger
Lassalles, zusammengefasst in dem ADAV und den VDAV, angeführt von
Wilhelm Liebknecht und August Bebel. Beide Organisationen hatten sich
zeitweise geradezu feindselig gegenüber gestanden. Der ADAV und seine
Vertreter neigten nach dem Tode Lassalles eher zur
preußisch-kleindeutschen Lösung, während die führenden Vertreter des
VDAV die großdeutsche Lösung unter Einbeziehung der Donaumonarchie
bevorzugten. Das waren zwar nicht die einzigen Gegensätze, aber sie
waren wesentlich mitbestimmend.
Der ADAV war denn auch
bereit sich Bismarcks Vorstellungen anzunähern. Das hat den Mitgliedern
aber wenig genützt, sie wurden genauso rücksichtslos verfolgt wie die
Anhänger des VDAV, die ihre Hoffnung auf eine revolutionäre Entwicklung
gesetzt hatten. Die hier aufgezeigte Entwicklung hat dann wesentlich zur
Vereinigung der beiden sozialdemokratischen Organisationen 1875
beigetragen.
Die revolutionären
Ansätze des VDAV haben Bismarck bewogen, die ersten Sozialdemokraten
rücksichtslos zu verfolgen.
Bismarck wurde von zwei
politischen Kategorien um getrieben: „Les cauchemar des révolutions“ und
„les cauchemar des coalitions“. Eine Revolution, herbeigeführt durch die
unhaltbaren sozialen Zustände, und die Befürchtung einer Koalition
europäischer Mächte, um das unter seiner Regie entstandene Reich wieder
zu zerstören. Bismarck war der sozialen Frage gegenüber aufgeschlossen.
Wenige Monate nach seiner Amtsübernahme als preußischer
Ministerpräsident im September 1862 hatte er Kontakt aufgenommen zu
Ferdinand Lassalle. Die Initiative dazu ist von Bismarck ausgegangen,
das belegen eindeutig entsprechende Quellen.
Bismarck hat auch
Kontakt zu Karl Marx aufgenommen, und ihm die Redaktion einer
Zeitung angeboten. Das Angebot war gut dotiert und mit keinen Auflagen
verbunden. Die Kontaktaufnahme lief über Lothar Bucher, der als
radikaler Demokrat nach der 1848er Revolution aus Deutschland fliehen
musste. Er lebte zehn Jahre in England und wurde nach seiner Rückkehr
Bismarcks Mitarbeiter und blieb es auch nach der Entlassung Bismarcks
1890. Er hat noch an der Abfassung von Bismarcks „Gedanken und
Erinnerungen“ mitgewirkt.
In seiner Rede zum
Sozialistengesetz am 17. September 1878 hat Bismarck Stellung genommen
zu seinen Treffen mit Lassalle und die Persönlichkeit Lassalles lobend
hervorgehoben und hinzugefügt, die Treffen hätten jeweils mehrere
Stunden gedauert, und er hätte es immer bedauert, wenn sie zu Ende
gewesen wären. Inwieweit Bismarck von Lassalles Gedankengut in seinen
Entscheidungen beeinflusst gewesen ist, darüber gibt es keine Belege.
Tatsache ist, dass
spätere Entscheidungen Bismarcks sich decken mit den zentral erhobenen
Forderungen Ferdinand Lassalles. Lassalles scharf geschliffenes
Intellekt, das aus seinen Veröffentlichungen entnommen werden kann, ist
beeindruckend. Seine politische und organisatorische Tätigkeit hat nicht
viel länger als ein Jahr gedauert, trotzdem kann die Wirkungsgeschichte
dieser Tätigkeit nicht übersehen werden, und hat entscheidende
Voraussetzungen für das Entstehen der Sozialdemokratie geschaffen. Die
Frage, was geschehen wäre, wenn ihm ein längeres Wirken beschieden
worden wäre, können wir nur hypothetisch beantworten.
Die Sozialdemokratie
kann sich mit Bismarck versöhnen, mit Hitler kann sie es nicht, das ist
der große gewaltige Unterschied.
Bismarck habe zwar die
Einheit Deutschlands geschaffen, nicht aber die Freiheit, das ist bis in
die politische Gegenwart oft kritisch angemerkt worden. Das
Bismarckreich hat die Bezeichnung „Zweites Reich“ gefunden. Das erweckt
den Eindruck, als handele es sich um eine Anknüpfung an das „Erste
Reich“, das mittelalterliche Kaiserreich. Das ist irreführend. Das
Zweite Reich war keine Fortsetzung des Ersten Reiches. Das Zweite Reich
war ein Nationalstaat ganz im Sinne des Zeitgeistes.
Eine andere Lösung hätte
sich auch gar nicht verwirklichen lassen, eine Anknüpfung an den
universalen Staatsgedanken des Mittelalters hätte einen allgemeinen
europäischen Krieg ausgelöst, dessen war sich Bismarck bewusst, das hat
er einmal nach seiner Entlassung in einem Interview in Friedrichsruh zum
Ausdruck gebracht gegenüber einem französischen Schriftsteller.
Die Beschlüsse der
Frankfurter Nationalversammlung sind oft in Gegensatz gebracht worden
zum Verfassungsaufbau des Bismarckreiches. In Wahrheit gibt es zwischen
beiden Verfassungsentwürfen keinen wesentlichen Unterschied. Bismarck
hat mit seiner Politik eine Freiheit nach außen bewirkt, die es vorher
nicht gab. Der Deutsche Bund war von den übrigen europäischen Mächten
geschaffen worden, um eine Machtentfaltung im Zentrum Europas zu
kontrollieren und zu verhindern. Dieses Ziel verfolgten europäische
Mächte schon im Westfälischen Frieden von Münster und Osnabrück 1648 mit
einem Herrschaftsanspruch in deutschen Angelegenheiten. Deutschland
wurde aufgeteilt in weit über dreihundert souveräne Staaten.
Der kanadische
Historiker Frank Eyck stellt in seinem Buch zur Frankfurter
Nationalversammlung unter dem Titel: „Deutschlands große Hoffnung“ die
Entwicklung 1848/49 in einen gesamteuropäischen Kontext.
Eyck vertritt die These,
wenn der preußische König Friedrich Wilhelm IV. die von der Frankfurter
Nationalversammlung angebotene Kaiserkrone angenommen hätte, dann hätte
das in einen umfassenden europäischen Krieg einmünden können. Carlo
Schmid stützt diese These in einem Gleitwort zu dem Buch.
Zar Nikolaus I. hatte
1848/49 gegenüber seinem Schwager, dem preußischen König Friedrich
Wilhelm IV., eine drohende Haltung eingenommen, und ihn gewarnt, der
Demokratiebewegung nicht zu weit entgegen zu kommen.
Frank Eyck hat
Verständnis, wenn deutsche Historiker im Hinblick auf diese Thematik
behutsamer auftreten. Da falle ich mit meinen Darstellungen aus dem
Rahmen. Ich halte es für verfehlt, die deutsche Geschichte isoliert zu
betrachten. Deutschland liegt geographisch im Zentrum Europas, und hat
mit den ihn umgebenden Nachbarn eine gemeinsame Geschichte, die nicht
einseitig und willkürlich, gestützt auf machtpolitische Voraussetzungen,
gesehen werden kann.
Mit der Abkehr vom
Absolutismus und der Hinwendung zum demokratischen Verfassungsstaat
haben sich die Gewichte verschoben. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde
das monarchische Prinzip zurückgedrängt und zunehmend durch das Prinzip
der Volkssouveränität ersetzt. Zu Beginn der Befreiungskriege 1813
zeichnete sich das schon ab. Der preußische König Friedrich Wilhelm III.
erließ einen Aufruf „an mein Volk“. Das war neu, später hieß es dann in
den Schulbüchern der Kaiserzeit: „das Volk steht auf, der Sturm bricht
los“.
Das war eine
Irreführung, nach 1815 folgte die Zeit der Restauration, dem
monarchischen Prinzip wurde wieder Geltung verschafft, und der Kampf um
den demokratischen Verfassungsstaat trat in eine neue Runde.
Der deutschen Politik
ist hier durchweg ein schlechtes Zeugnis ausgestellt worden. Dazu sind
einige differenzierte Betrachtungen notwendig. Das Wahlrecht zum
Reichstag des Norddeutschen Bundes und zum Reichstag des Zweiten
Deutschen Kaiserreiches war das fortschrittlichste Wahlrecht, das es
damals gab. Was in Frage gestellt werden könnte ist die
verfassungsrechtliche Stellung des Reichstages. Kein anderes
Verfassungsorgan der Zeit konnte am Reichstag vorbei regieren, auch der
Kaiser nicht. Diese Verfassung war sicher reformbedürftig, aber die
Abgeordneten des Reichstages selbst hatten, mit Ausnahme der
Sozialdemokraten, daran kein Interesse.
1912 wurde die SPD
stärkste Fraktion im Deutschen Reichstag, und wir können sicher davon
ausgehen, dass die SPD auf einen Reformprozess gedrungen hätte. Eine
solche Entwicklung ist durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges
verhindert worden.
Die Bewilligung der
Kriegskredite auch mit den Stimmen der SPD im Reichstag beim Ausbruch
des Ersten Weltkrieges ist auch später bei sozialdemokratischen
Politikern auf Kritik gestoßen.
Die SPD- Fraktion hatte
gar keine andere Wahl. Die zuvor erfolgte Generalmobilmachung der
Zarenarmee war eine diplomatisch geschickt verpackte Kriegserklärung.
Die deutsche Reaktion
darauf war diplomatisch weniger geschickt. Albert Ballin hatte dazu
bereits einige kritische Anmerkungen geäußert.
Kaiser Wilhelm II. hatte
das Versprechen gegeben: „...wir wollen keine Eroberungen“, um damit
auch sozialdemokratische Abgeordnete des Reichstages zu beruhigen. Er
hat dieses Versprechen nicht eingehalten. Der Kaiser und führende
Vertreter aus Wirtschaft und Politik haben sich im Verlauf des Krieges
den Forderungen des „Alldeutschen Verbandes“ angeschlossen, und den von
dieser Organisation im September 1914 formulierten
Kriegszielforderungen. Gibraltar und Singapur sollten deutsche
Flottenstützpunkte werden, Mittel und Südafrika von der Westküste bis
zur Ostküste sollten unter deutsche Herrschaft gelangen, große Teile
Nordfrankreichs und der belgische Staat sollten annektiert werden, und
Russland sollte einen Gebietsstreifen „menschenleer“ übergeben. Das war
nicht nur realitätsfern, das war verbrecherisch. Das entlastet die
Gegenseite keineswegs, auch sie hatte ihre ungerechtfertigten
Maximalforderungen, die sie dann auch durchgesetzt hat unter Androhung
militärischer Gewalt. Das Ergebnis dieser Politik ist bekannt, und die
Grundlagen dieser Politik, gemessen an ethischen Maßstäben und an
politischer Moral, sind äußerst fragwürdig, gelinde gesagt. Die
Kriegszielpolitik der Siegermächte des Ersten Weltkrieges war eindeutig
auf die Zerstörung des Bismarckreiches ausgerichtet. Deutschland sollte
wieder eine freie Verfügungsmasse seiner europäischen Nachbarn werden
wie im Westfälischen Frieden und modifiziert im Deutschen Bund von 1815
bis 1866.
Die Kriege des 19.
Jahrhunderts waren keine reinen dynastischen Kriege mehr, das
monarchische Prinzip wurde zunehmend durch den Nationalstaatsgedanken
ersetzt, und es begann die Entwicklung zum Krieg der Völker, in dem die
dynastischen Interessen und Belange ihre Bedeutung verloren. In Kriegen
mit dynastischen Interessen als Grundlage, wurden dem Monarchen
Verantwortung und damit auch die Konsequenzen angelastet. In den Kriegen
der Völker, gegründet auf den Gedanken der Volkssouveränität, wurden
Verantwortung mit der Schuldfrage im Vordergrund auf ein Kollektiv
übertragen, und das ist immer ungerecht. Darum ist auch der Diktatfriede
von 1919 gescheitert. Als auf dem Wiener Kongress 1814/15 die Neuordnung
Europas beschlossen wurde, war Frankreich von Anbeginn gleichberechtigt
beteiligt, und nicht nur das, es hat auch einen entscheidenden Einfluss
auf den Gang der Verhandlungen ausgeübt, obwohl es zuvor mehr als
zwanzig Jahre Europa mit Krieg überzogen hatte.
Die Schuldfrage hatte
sich bereits am Krieg von 1866 entzündet und noch mehr am Krieg 1870/71.
Bis heute ist die Emser Depesche fester Bestandteil einer Schuldthese,
in welcher Bismarck die Verantwortung für den Ausbruch des Deutsch-
Französischen Krieges angelastet wird. Die Emser Depesche war nicht
gefälscht, das ist nicht einmal von französischer Seite behauptet
worden. Die Emser Depesche war aber der Anlass eines Unheils, das in den
Jahrzehnten danach über Europa hereingebrochen ist. Bismarck hat die
Gefahren auch kommen sehen und selbstkritisch Stellung genommen zu
seinen Entscheidungen. Das war für Wilhelm Liebknecht Anlass, Bismarck
als Hauptverantwortlichen für die Entwicklung auszumachen in einer
Broschüre mit dem Titel „Die Emser Depesche, oder wie Kriege gemacht
werden“. Der französische Sozialist Jaurès hat im Gegensatz dazu
Frankreich die Hauptverantwortung angelastet.
Die Frage, ob die Emser
Depesche Anlass sein könnte für den Ausbruch eines Krieges oder sogar
eines allgemeinen Krieges in Europa kann nicht von der
Geschichtswissenschaft entschieden werden, es ist eine Gewissensfrage.
Es wäre für die französische Diplomatie nicht schwer gewesen, Bismarck
entgegen zu treten, und den Verlauf der Ereignisse richtig zu stellen.
Frankreich wollte 1870
das erreichen, was es 1840 nicht erreicht hatte, nämlich die
Rheingrenze als Frankreichs „natürliche Grenze“ etablieren. 1840 war
Friedrich Engels dem französischen Ansinnen mit Leidenschaft
entgegengetreten.
Der Ursprung zum
Ausbruch des Ersten Weltkrieges war die Ermordung des
Österreich-Ungarischen Thronfolgers, Erzherzog Ferdinands. Es waren
keine fanatischen Einzelgänger, die diese Aktion spontan durchgeführt
haben. Das Attentat war lange vor seiner Ausführung sorgfältig geplant,
und seine Durchführung erfolgte mit Wissen und Billigung der serbischen
Regierung, und diese handelte wiederum mit russischer Rückendeckung.
Das Attentat selbst
hatte seine Beweggründe. Erzherzog Ferdinand wollte die Donaumonarchie
verfassungsrechtlich reformieren, und den österreichisch-ungarischen
Dualismus durch einen Trialismus ersetzen, in dem die slawischen Völker
den Deutschen und Ungarn verfassungsrechtlich gleichgestellt werden
sollten. Dieses Vorhaben war der serbischen Seite bekannt, und wenn es
zur Durchführung gekommen wäre, dann hätte sich „Befreiung“ der
slawischen Völker in der Donaumonarchie schwieriger gestalten können.
Die BBC hat, in
Zusammenarbeit mit der Tageszeitung „Die Welt“ und der „Welt am
Sonntag“, die Ereignisse und Zusammenhänge in einer DVD ausführlich
dargestellt.
Es geht nicht darum
historische Reminiszenzen zu verbreiten, es geht auch nicht
ausschließlich um Deutschland, es geht um den Entwurf eines
Geschichtsbildes, das verbindet und nicht versinkt in Rivalitäten,
gegründet auf das Prinzip der Vergeltung.
Die Kriege der 60er
Jahre des 19. Jahrhunderts, 1864, 1866 und 1870/7, als Bismarck
preußischer Ministerpräsident und Reichskanzler des Norddeutschen Bundes
war, haben zur deutschen Einheit geführt. Diese Entwicklung ist seither
von Historikern innerhalb und außerhalb Deutschlands als der „deutsche
Sonderweg“ angesehen worden. Auch Sozialdemokraten der ersten Stunde,
besonders Wilhelm Liebknecht und August Bebel haben diesen Standpunkt
eingenommen, und sich so der Politik Bismarcks entgegengestellt. Die
Sonderwegthese spricht in ihrer Konsequenz Deutschland und den Deutschen
das Recht ab, sich zu einer Nation zu formieren. Deutschland ist an
allen seinen Grenzen von unterschiedlichen Nationalitäten umgeben, das
schafft tatsächlich eine gänzlich andere Situation. Die Randstaaten
Europas haben sich lange vor Deutschland zu Nationalstaaten formiert.
Aus dieser Lage heraus haben sie übergegriffen auf die übrige Welt, sich
Imperien geschaffen und sich Kontinente und Subkontinente unterworfen.
Deutschland war in diesem Staatensystem die Rolle zugedacht, sich zu
bescheiden und das „Gleichgewicht des europäischen Mächtesystems“ zu
gewährleisten. Das ist eine egoistische Erwartungshaltung.
Bismarck hat diese
besondere Lage und Situation erkannt und nach vollzogener Einheit
gewarnt, das Erreichte nicht durch weitergehende Forderungen zu
gefährden. „Wir haben die Einheit Deutschlands vollzogen, während Europa
das Gewehr im Anschlag hatte“, so Bismarck. Deshalb hatte er die Losung
ausgegeben: „Deutschland ist saturiert.“ 1890 hatte sich der bereits
oben erwähnte „Alldeutsche Verband“ gebildet, um sich dieser Politik
Bismarcks zu widersetzen. Die Forderungen dieser Organisation waren
Deutschlands Gegnern während des Ersten Weltkrieges bekannt, was für
deren Kompromissbereitschaft verständlicher Weise nicht gerade
förderlich war. Anders herum war der politischen und militärischen
Führung des Kaiserreiches die Absicht der Ententemächte, das
Bismarckreich zu zerstören, ebenfalls nicht verborgen geblieben.
Dazu wurde von deutscher
Seite die irrationale Forderung erhoben, Deutschland brauche einen
„Platz an der Sonne“. Den hatte Deutschland längst, während der
Kanzlerschaft Bismarcks war Berlin der diplomatische Mittelpunkt
Europas.
Das geeinte Deutschland
beherbergte in seinen Grenzen nationale Minderheiten, im Westen
Franzosen, im Norden Dänen und im Osten Polen. Die Politik, die
gegenüber diesen nationalen Minderheiten betrieben wurde mit ihren
rücksichtslosen Eindeutschungsversuchen musste scheitern, weil sie
ungerecht war.
Die sozialdemokratische
Fraktion im Reichstag hat sich dieser Politik entgegen gestellt.. August
Bebel hatte gewarnt, eine solche Behandlung der Minderheitenfrage
könnte auch einmal deutsche nationale Minderheiten treffen.
Es ist aber nicht
gerechtfertigt Deutschland und die Politik Bismarcks als den allein
Schuldigen anzusehen. Der Nationalstaatsgedanke ist durch die
Französische Revolution und napoleonischen Kriege entstanden.
Bismarck hätte es
niemals wagen dürfen, den universalen Staatsgedanken des Mittelalters
wieder zum politischen Leben zu erwecken, da hätte er gleich die übrigen
europäischen Großmächte gegen sich aufgebracht.
Es ist nicht abwegig,
den universalen Staatsgedanken des Mittelalters wieder in Erinnerung zu
bringen. Mit nationalstaatlichen Rivalitäten und Hegemoniebestrebungen
wird Europa scheitern, wie es immer gescheitert ist.
Als Europa von Dynastien
beherrscht wurde, blieb bei Grenzverschiebungen die nationale und
kulturelle Eigenständigkeit zumeist erhalten. Ein Verstoß selbst gegen
dynastische Prinzipien war die Teilung Polens. Immerhin wurde in
polnischen Gebieten, die unter preußische Herrschaft gelangten, keine
Eindeutschungspolitik betrieben. Das belegt eine ausdrückliche Verfügung
des preußischen Kultusministers Altenstein im Jahre 1823. Zu diesen
Grundsätzen hatte sich auch der preußische König Friedrich Wilhelm IV.
bekannt. Die Nationalitätenpolitik der Frankfurter Nationalversammlung
1848/49 sah anders aus. Polnische Abgeordnete und Abgesandte waren
deshalb äußerst enttäuscht.
Die Frankfurter
Nationalversammlung ist am Widerstand Preußens und noch mehr am
Widerstand Österreichs gescheitert. Friedrich Wilhelm IV. hatte das
Angebot der Kaiserkrone abgelehnt, weil er meinte in dem Angebot den
„Ludergeruch der Revolution“ erkennen zu müssen. Danach folgte der
Versuch, gegründet auf das preußische Dreiklassenwahlrecht und dem
monarchischen Prinzip, Norddeutschland in der „Erfurter Union“ unter
preußischer Führung zu vereinen. Das Projekt scheiterte, Österreich
nahm, gestützt auf russische Rückendeckung eine drohende Haltung ein,
und Preußen musste sich in der „Olmützer Punktation“ unterwerfen, und
das Vorhaben aufgeben. Die Ereignisse hätten sehr leicht zu einem
allgemeinen europäischen Krieg führen können. Was der „Erfurter Union“
1850 versagt blieb, gelang Bismarck 1866 mit der Gründung des
„Norddeutschen Bundes“, allerdings mit „Blut und Eisen“. Nach der
Olmützer Punktation unternahm Österreich mit dem „Schwarzenberg- Bruck-
Plan“ einen Anlauf. Der Plan sah die Gründung eines staatlichen Gebildes
von der Adria bis zur Nordsee mit 70 Millionen Einwohnern vor. Der Plan
scheiterte am Deutschen Dualismus und an dem Widerstand der übrigen drei
europäischen Großmächte, die auch hier eine drohende Haltung eingenommen
hatten.
1863 überraschte
Bismarck mit dem Vorschlag einer Reform des Deutschen Bundes nach dem
allgemeinen, gleichen, geheimen und direktem Wahlrecht. Der Vorschlag
löste bei den übrigen vier europäischen Großmächten einen Sturm der
Entrüstung aus.
1864 begann mit dem
Deutsch- Dänischen Krieg der Weg zur deutschen Einheit. Grund war die
Einverleibung Schleswigs in den dänischen Staatsverband. 1848 hatte
Dänemark das schon einmal versucht und dabei Vertragsbruch begangen. Im
Vertrag von Ripen aus dem Jahre 1460, der noch auf Plattdeutsch
abgefasst war, hieß es: „ up ewig ungedeelt“. Im Londoner Protokoll von
1852 wurde auf Betreiben der europäischen Großmächte die Personalunion
zwischen Dänemark und Schleswig-Holstein wieder hergestellt, nachdem
zuvor Preußen von Russland und England zurecht gewiesen worden war, weil
es den Schleswig-Holsteinern militärischen Beistand geleistet hatte.
1863 unternahm Dänemark
einen zweiten Anlauf um Schleswig, das zur Hälfte dänisch und zur
anderen Hälfte deutsch bevölkert war, zu annektieren. Vierhundert Jahre
hatten Deutsche und Dänen friedlich unter Krone und Personalunion
zusammen gelebt und gewirkt, bis ihnen plötzlich eingeschärft wurde, sie
seien entweder Deutsche oder Dänen, beides ginge nicht. Diesmal hatte
Dänemark gleich zweifach Vertragsbruch begangen, einmal den Vertrag von
Ripen und die Abmachungen des Londoner Protokolls. Bismarck hatte
Dänemark aufgefordert zu den Vereinbarungen des Londoner Protokolls
zurückzukehren, und die Personalunion wieder herzustellen. Bismarck
hatte sich heftiger Kritik aus der nationalen Bewegung heraus zu
erwehren. Ihm wurde vorgeworfen, er verletze nationale deutsche
Interessen.
Mit seiner Weigerung hat
Dänemark es Bismarck leicht gemacht, die Schleswig-Holsteinfrage in
seinem Sinne mit militärischen Mitteln zu lösen.
Der Krieg 1866 wurde
ausgelöst, indem die Bundesversammlung des Deutschen Bundes auf
österreichisches Betreiben hin gegen Preußen die Bundesexekution
beschloss.
Auch hier hatte Bismarck
im Vorfeld versucht, mit dem „Gablenz-Plan“ die Lage zu entschärfen.
Der Plan sah die Teilung
Deutschlands in einen Norddeutschen und in einen Süddeutschen Bund vor.
Das war ein Angebot auf der Grundlage ausgleichender Gerechtigkeit.
Österreich hat dieses Angebot abgelehnt. Was danach kam, ist bekannt.
Der letzte Schritt auf
dem Weg zur Einheit Deutschlands erfolgte mit dem Krieg gegen Frankreich
1870/71. Der siegreiche Ausgang dieses Krieges ließ unangenehme Ahnungen
aufkommen. Nach der Schlacht bei Sedan forderten der ADAV und der VDAV
einmütig die Beendigung des Krieges. Im „Volksstaat“ wurde in jeder
Ausgabe dick gedruckt der Verzicht auf die Fortführung des Krieges
gefordert, und Frankreich außerdem nicht die Last einer Gebietsabtretung
aufzuerlegen.
Die Sozialdemokraten der
ersten Stunde wurden zu Gegnern des neu gegründeten Reiches neben der
katholischen Kirche, politisch vertreten durch das Zentrum. Diese
innenpolitische Hypothek erwies für die weitere politische Entwicklung
als eine schwere Last.
August Bebel und Wilhelm
Liebknecht kämpften gegen preußisches Wesen und Bismarcks Politik.
Besonders Wilhelm Liebknecht beteiligte sich von Anbeginn an der These
vom „deutschen Sonderweg“. Er sah in Bismarck den Wegbereiter eines
Unheils. Als Anhänger der großdeutschen Lösung war Liebknecht enttäuscht
über den Ausgang des Krieges von 1866. 1869 erzeugte die
„Luxemburgkrise“ eine gefährliche Spannung unter den europäischen
Mächten. Frankreich war in den Kriegen von 1864 und 1866 neutral
geblieben. Neutralität unter den fünf europäischen Großmächten war nicht
umsonst zu haben, da war Frankreich keine Ausnahme. Darüber hinaus hatte
Napoleon III ein Auge auf Luxemburg geworfen, sein Interesse richtete
sich auch auf das französischsprachige Belgien, was aber zu Konflikten
mit Großbritannien geführt hätte, so blieb Luxemburg, das in
Personalunion mit Holland verbunden war und zugleich zum Deutschen Bund
gehörte. Preußen unterhielt eine Garnison in Luxemburg. Um Frankreich
ruhig zu stellen war Bismarck zu einem Entgegenkommen bereit, was sich
aber nur diskret über diplomatische Kanäle verwirklichen ließ.
Entsprechende Kontakte blieben nicht verborgen und sorgten für eine
explosive Stimmung innerhalb und außerhalb Deutschlands. Eine Konferenz
der europäischen Mächte in London fand in einer Übereinkunft eine
Lösung: Luxemburg wurde unabhängig und aus dem Deutschen Bund
entlassen. Die preußische Garnison wurde aufgelöst. Die Luxemburger
sind gut gefahren mit diesem Ergebnis, darum feiern sie in diesem Jahr
die einhundertfünfzigjährige Wiederkehr ihrer Unabhängigkeit.
In Deutschland und
Frankreich herrschte Unzufriedenheit mit dem Ausgang der Konferenz von
London. August Bebel erhob im Reichstag des Norddeutschen Bundes
Vorwürfe gegen Bismarck, er habe mit seiner fehlgeleiteten Politik
Luxemburg verspielt.
Bismarck entgegnete
darauf, es wäre unverantwortlich gewesen, wegen der Garnisonsfrage die
Gefahr eines allgemeinen europäischen Krieges herbeizuführen.
Bebel und Schraps waren
die einzigen sozialdemokratischen Abgeordneten, die über die „Sächsische
Volkspartei“ bei den Wahlen am 12. Februar 1867 den Einzug in den
Reichstag des Norddeutschen Bundes geschafft hatten.
Der Einfluss der ersten
Sozialdemokraten auf die große Politik war gering und hat außerhalb
Deutschlands keine Reaktionen ausgelöst. Schraps erklärte, Preußen
betriebe eine dem Reiche und dem Volke feindliche Politik, eine Politik
die in der deutschen Geschichte die Schweizer und Holländer zum Abfall
gebracht, und die Elsässer zu eingefleischten Franzosen gemacht hätte.
Wäre Schraps
Reichskanzler gewesen, dann hätte eine solche Äußerung in Europa
gefährlichen Zündstoff schaffen können.
Die Sozialdemokraten der
ersten Stunde waren geschichtsbewusst und standen so im Gegensatz zur
Französischen Revolution, die mit ihren Anführern in den verschiedenen
Phasen einen Bruch mit der Geschichte vollziehen wollte bis hin zur
Einführung eines neuen Kalenders.
Die Romantiker in
Deutschland- der preußische König Friedrich Wilhelm IV. wurde dazu
gerechnet- sahen darin eine Fehlentwicklung, eine Abkehr vom
universalen Staatsgedanken des Mittelalters.
Hegel war der
Französischen Revolution zugeneigt, wollte sich aber in den
Auseinandersetzungen der Zeit nicht auf die eine oder andere Seite
schlagen. Ganz im Sinne seines philosophischen Systems sollte aus These
und Antithese die Synthesis hervorgehen, wobei die Synthesis nicht
einfach als Kompromiss aus einer Gegensätzlichkeit zu verstehen ist.
Frankreich ist in seiner
Geschichte dem universalen Staatsgedanken stets mit Ablehnung begegnet,
es sah darin ein deutsches Hegemoniestreben, schon im Mittelalter. Das
gleiche gilt auch für die englische Politik, ebenfalls schon im
Mittelalter. Diese Einschätzung ist nicht gerechtfertigt. Die deutschen
Kaiser des Mittelalters bis hin zu den Stauferkaisern verfolgten nicht
das Ziel einer nationalstaatlichen oder gar rassistischen Hegemonie.
Friedrich Wilhelm I. ist
als der Große Kurfürst in die Geschichte eingegangen, er legte das
Fundament für den Aufstieg des preußischen Staates. Er war dem
französischen König Ludwig XIV. mit dem Vorschlag begegnet, die
mittelalterliche Kaiseridee zu erneuern, Der französische König hatte
dafür keine Meinung. In einem Artikel im „Volksstaat“ wurde das Ansinnen
des brandenburgisch-preußischen Kurfürsten im historischen Rückblick
scharf verurteilt. Auch Bismarck wurde im „Volksstaat“ in aller Schärfe
mit Kritik bedacht, weil er vor dem Ausbruch des Krieges 1866,
Frankreich, wenn auch unverbindlich, signalisiert hatte, es könne sein
Territorium im Falle der Neutralität bis zur Rheingrenze arrondieren. Es
ist im 19. Jahrhundert nicht zu einem Zusammengehen von nationaler und
sozialer Bewegung gekommen. Es war wie in einem alten Volkslied mit den
beiden Königskindern, die Zuneigung empfanden, aber nicht zueinander
finden konnten, weil das Wasser zu tief war.
Kaiser Napoleon I. hat
es ebenfalls abgelehnt, den universalen Staatsdanken zu erneuern. Er
wollte ein zentralistisch von Frankreich dominiertes Europa. Als Hamburg
1810 dem französischen Staatsverband einverleibt wurde, führte das zu
einer Pressezensur, und Zeitungen mussten zweisprachig erscheinen.
Später in der Einsamkeit
von St Helena hat Napoleon I. seine Deutschlandpolitik einer
selbstkritischen Betrachtung unterzogen, aber da war es zu spät. Eines
sollte nicht verkannt werden: Napoleon wollte Tradition und Moderne
miteinander verbinden, was in seinem Gesetzeswerk „Code Civil“ zum
Ausdruck kommt.
Dem Ersten Reich, das
auf Karl den Großen zurückgeführt werden kann und bis 1806 währte,
folgte 1871 das Zweite Reich, es überdauerte keine fünfzig Jahre.
Die NS-Herrschaft von
1933 bis 1945 wurde mit dem Etikett versehen: „Drittes Reich“. Es hat
besonders nach dem Zweiten Weltkrieg Interpreten gegeben, die hier eine
Kontinuität in der deutschen Geschichte sehen wollten. Das ist mehr als
irreführend.
Als eine schwer zu
überwindende Belastung für das Zweite Reich erwies sich der
„Gründerkrach“ 1873 mit sozialen Folgen, von denen besonders die
Arbeiterschaft betroffen war, die so in ihrem Ringen um soziale
Besserstellung in sich verschärfende, unerträgliche, menschenunwürdige
Lebensbedingungen zurückgeworfen wurde. Diese Rezession dauerte über
zwanzig Jahre und schürte zusätzlich die sozialen Spannungen.
Die spürbare
wirtschaftliche Erholung, die nach 1896 einsetzte, hatte auch in der
Sozialdemokratie ein Umdenken zur Folge. Die „Revisionisten“, zu denen
Eduard Bernstein gezählt werden kann, gewannen an Einfluss, und
drängten marxistische Einflüsse zurück.
Trotz Sozialistengesetz
gelang es den Sozialdemokraten während der Dauer dieses Gesetzes von
1878 bis 1890, in der sie von Wahlen zum Reichstag nicht ausgeschlossen
waren, den Stimmenanteil von 7,6% auf 19,8% zu erhöhen.
Mit steigendem
Stimmenanteil, der sich fortsetzte, bis die SPD 1912 stärkste
Reichstagsfraktion wurde, stiegen auch Einfluss auf Politik und
Gesellschaft.
Die SPD stieß nicht mehr
auf schroffe Ablehnung, sie wurde zunehmend umworben. Friedrich Naumann
kann hier als ein besonderes Beispiel angeführt werden.
Die Entwicklung wurde je
durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges unterbrochen. In dem Zeitraum
davor setzten europäische Mächte noch einmal an zu einem Höhenflug
imperialistischer Machtpolitik, an der sich auch Deutschland beteiligen
wollte, und nichts erreichte, außer Unheil zu stiften.
Wenn es den
Siegermächten des Ersten Weltkrieges wirklich daran gelegen gewesen
wäre, in Deutschland die Demokratie zu festigen, dann hätten sie eine
andere Politik betrieben, und nicht Hitler alles zu Füßen gelegt, was er
verlangte, und was sie zuvor der Weimarer Republik verweigert hatten.
Die klassischen
Oppositionsparteien im Reichstag des Kaiserreiches, die SPD, das Zentrum
und die DDP(Linksliberale) erreichten bei den Wahlen am 19. Januar 1919
einen Stimmenanteil von 76%. Die Siegermächte hatte das nicht
beeindruckt. Deutschland war übrigens das erste Land, wo Frauen
uneingeschränkt das Wahlrecht erhielten, lange vor Großbritannien und
Frankreich und noch vor den USA, wo Frauen das Wahlrecht erst am 16.
August 1920 erhielten durch den 19. Zusatz zur amerikanischen
Verfassung.
Der erste
Reichspräsident der Weimarer Republik, Friedrich Ebert, wollte die
Monarchie beibehalten. Ob das Unheil, das danach über die Menschheit
hereingebrochen ist, dadurch hätte verhindert werden können, muss eine
hypothetische Frage bleiben.
Anfang der 30er Jahre
des vorigen Jahrhunderts ist es in Doorn zu Verhandlungen gekommen
zwischen Wilhelm II und Nazigrößen über die Wiedereinführung der
Monarchie. Die Verhandlungen sind gescheitert. Immerhin war Wilhelm II.
nicht bereit, sich den Nazis als Marionette zur Verfügung zu stellen.
Das Scheitern der
Weimarer Republik hat mehrere Ursachen. Zwei Wirtschaftskrisen von
außergewöhnlichem Ausmaß: Die Inflation, die 1923 ihr Ende fand und die
Deflationskrise, die dem Zusammenbruch der New Yorker Börse 1929 folgte.
Beide Krisen wurden überwunden. Entscheidenden Anteil an der Überwindung
kann Hjalmar Schacht zugeschrieben werden. Er ist auch der Konstrukteur
des Wirtschaftswunders, das wesentlich zur Festigung der NS-Herrschaft
beigetragen hat. Hjalmar Schacht war bis 1937 Generalbevollmächtigter
für die Kriegswirtschaft und Reichsbankpräsident. Dieses Amt stellte er
vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zur Verfügung, nachdem es zuvor
schon zu Differenzen mit den NS-Machthabern gekommen war, weil die
NS-Regierung nicht bereit war, die mit der Reichsbank geschlossenen
Verträge einzuhalten. Hjalmar Schacht hat bei einem Treffen mit dem
amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt versucht, diesen zu
bewegen, etwas gegen Hitler zu unternehmen, ohne Erfolg.
Das ist ein Beispiel
dafür, das alle Beteiligten an dem Unheil mitgestrickt haben, das danach
über die Welt hereinbrach. Alle haben sich beteiligt mit der Aussicht
auf mögliche machtpolitische Vorteile, seien sie ideeller oder
materieller Art. Einer solchen Politik können aber keine redlichen
Beweggründe zuerkannt werden.
Die bereits
angesprochene Sonderwegthese schließt besonders Bismarcks Politik ein,
die im 19. Jahrhundert zur Einheit Deutschlands geführt hat. Nach dem
Zweiten Weltkrieg galt diese These in Politik und Geschichtsschreibung
als Identitätsmerkmal für die 1949 gegründete Bundesrepublik.
Der Reichstag der
Kaiserzeit wird darin als verfassungsrechtlich bedeutungsloses Anhängsel
angesehen und dargestellt. Das ist falsch und irreführend. Wenn der
Reichstag 1914 die Kriegskredite verweigert hätte, dann hätte der Krieg
nur über einen Staatsstreich geführt werden können. Die Bedeutung des
Reichstages hat sich auch im Verlauf und am Ende des Ersten Weltkrieges
gezeigt. Der Reichstag hatte verfassungsrechtlich auch die Kompetenz zur
Gesetzgebung.
Als Bismarck 1878 im
Reichstag das Sozialistengesetz durchbrachte, hatte er dazu bereits
zuvor zwei Anläufe unternommen, war aber an der Reichstagsmehrheit
gescheitert. Der Reichstag lehnte 1890 die Erneuerung des
Sozialistengesetzes ab, einer der Gründe für den Sturz Bismarcks.
1878 diente ein
Attentat auf den Kaiser Wilhelm I. zur Begründung, das Sozialistengesetz
erneut einzubringen. Der Beweis für eine Beteiligung von
Sozialdemokraten an dem Attentat ist nie erbracht worden. Der Ursprung
zu dem Gesetz war eine allgemeine Stimmungsmache.
Die
Sozialversicherungsgesetzgebung, die in den 80er Jahren des 19.
Jahrhunderts folgte, drohte an der Reichstagsmehrheit zu scheitern.
Bismarck hat nicht alle seine Vorstellungen verwirklichen können, so
wollte er auch das Recht auf Arbeit gesetzlich festschreiben.
Er hat auch Kaiser
Wilhelm I. bewogen, sich an den Reichstag zu wenden, um
Überzeugungsarbeit zu leisten, sich dem Gesetzeswerk nicht zu versagen.
Friedrich Engels hat dem
Wahlrecht zum Reichstag des Norddeutschen Bundes und des Deutschen
Reiches nach 1871 seine Anerkennung gezollt. Die Arbeiterklasse könne,
so Engels, auf diesem Wege in steigendem Maße Einfluss auf die
politische und gesellschaftliche Entwicklung nehmen, was denn auch
tatsächlich eingetreten ist.
Karl Marx hat im
Historischen Materialismus die Kernthese aufgestellt: „Alle Geschichte
ist eine Geschichte von Klassenkämpfen“. Diese These kann nicht
widerlegt werden, zu viele Fakten sprechen dafür. In der politischen
Gegenwart beginnt der Klassenkampf schon in der Arbeiterklasse selbst.
In der „freien“ Wettbewerbswirtschaft sind Kolleginnen und Kollegen
nicht Genossen, sondern Konkurrenten. Das war in der DDR anders. Ich bin
überzeugt, wenn die Möglichkeit einer intensiven wirtschaftlichen
Zusammenarbeit zwischen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland
bestanden hätte, dann hätte die DDR mit ihrem sozialistischen System
wirtschaftlich auf denselben Stand gelangen können wie die
Bundesrepublik. Eine solche Politik war natürlich von den
„Schutzmächten“ nicht gewünscht. Als DDR- Ingeneure das Wartburg- Modell
weiter entwickelt, westlichen Standards angepasst, und den Prototyp
fertig gestellt hatten, wurde von Moskau der Produktionsstopp verfügt.
Wem nützt eigentlich das
Wirtschaftssystem, dem die Weltwirtschaft gegenwärtig unterworfen ist?
Ein System, das sogar mehrfache Milliardäre in den Freitod treibt. Es
spornt zwar die Schaffenskraft der Unternehmen und den darin
Beschäftigten zu Höchstleistungen an, aber der Lohn für ihren Fleiß
bleibt ihnen versagt, der landet in den Taschen der Spekulation und der
„Investoren“. Die Finanzkrise, von der das wirtschaftliche Geschehen
gegenwärtig heimgesucht wird, erinnert fatal an den Wirtschaftskrieg
zwischen den beiden Weltkriegen im vorigen Jahrhundert. Die
Gemeinsamkeiten sind auffällig: Staatsverschuldung, Gefahren von
Inflation und Deflation, die sich abzeichnen und Volkswirtschaften, die
sich eifersüchtig beäugen, und nach Möglichkeiten suchen, sich
gegenseitig das Wasser abzugraben.
Die Mittel, die dazu
eingesetzt werden führen geradewegs in die soziale Katastrophe. Um das
in Brüssel angestrebte VW-Gesetz ist es ruhiger geworden, die
Finanzkrise überlagert das Ringen, das damit in Zusammenhang steht.
Offen ist in den Rechtsstreitigkeiten eingeräumt worden, es ginge darum
den VW- Konzern zu „zerschlagen“, versehen mit der fragwürdigen
Begründung, der „freie Kapitalverkehr“ müsse sichergestellt werden.
Dieser Kapitalverkehr schlägt sich nieder Übernahmeschlachten, die
zweistellige Milliardensummen verschlingen. Für soziale Belange und
Belange der Bildung bleibt dann nichts mehr.
Beides Voraussetzungen
für die notwendige soziale Klammer, um einer gesellschaftlichen
Entwicklung die nötige Festigkeit zu geben.
Unlängst steigerte sich
der VW-Konzern zum weltweit wertvollstem Unternehmen. Wozu fleißige
Hände und fleißige Köpfe innerhalb und außerhalb Deutschalands
Generationen benötigten, um diesen Konzern als Wert zu erstellen, das
übertrifft der Börsianer noch, innerhalb weniger Tage. Da stimmt doch
etwas nicht!
Wenn fleißige Hände und
Köpfe ein Unternehmen zu Erfolg und Größe geführt haben, dann beginnt
die Phase der „Rationalisierung“, die Träger des Erfolges werden nicht
mehr benötigt und „freigesetzt“, und der Börsianer nimmt ihre Stelle
ein. Karl Marx ist noch lange nicht erledigt, je schneller der
Turbokapitalismus sich dreht, um so mehr gewinnt Marx an Aktualität.
Der
Weltwirtschaftskrise, die 1929 an der Wallstreet ausgelöst wurde,
begegnete der amerikanische Präsident Roosevelt mit der New Deal-
Gesetzgebung, um die katastrophalen Auswirkungen der Krise einzudämmen.
Sechzehn Gesetzgebungsverfahren wurden in drei Monaten nach der
Amtsübernahme im März 1933 durch den Kongress gebracht. Jedes Mal, wenn
danach die Maßnahmen zu greifen begannen, versuchten Wallstreet-
Magnaten die Wirkungen zu unterlaufen. Roosevelt wurde verdächtigt, er
wolle Amerika einer sozialistischen Diktatur unterwerfen und die „freie
Marktwirtschaft“ abschaffen. Roosevelt seinerseits attackierte etliche
seiner Gegner als „gemeine Kriminelle“. Die Diktatur des großen Geldes
und freie Marktwirtschaft schließen einander aus. Die Administration des
amerikanischen Präsidenten Obama ist hier zögerlicher. Es ist eigentlich
verwunderlich. Amerika, das von Ozean zu Ozean Stars und Stripe-
Fähnchen schwingt, um patriotische Gesinnung zu untermauern, begibt sich
je länger je mehr in die Obhut chinesischen Kapitals.
Hitler hat aus der
Kapitalismusfrage eine Judenfrage gemacht. Konsequent zu Ende gedacht
hieße das: Wenn es keine Juden mehr gäbe, dann gäbe es auch keinen
Kapitalismus mehr. Es war nicht der erste und einzige
Volksverdummungsfeldzug solcher Art in der europäischen Geschichte, aber
bei weitem der grausamste und umfassendste.
Helmut Schmidt
hat unlängst ein sehr einleuchtendes Bild gebraucht. Er sprach sich
dafür aus, die internationale Finanzwelt Regelungen und Gesetzen zu
unterwerfen, die weltweit anerkannt sein müssten. Als Charles Lindbergh
als erster mit dem Flugzeug den Atlantik überquerte, da gab es noch
keine Luftverkehrsregelungen. Heute gibt es solche Regelungen, gäbe es
nicht, dann stürzte der größte Teil der Atlantikflüge ins Meer. Die
Aussage Helmut Schmidts kann interpretiert werden. Die internationale
Finanzwelt ist noch nicht weiter als der Luftverkehr zu Zeiten Charles
Lindberghs.
Als Gerhard Schröder
2002 im Wahlkampf zur Bundestagswahl die Beteiligung Deutschlands im
Irakkrieg ablehnte, hat es geheißen, es wäre in den letzten fünfzig
Jahren das erste Mal gewesen, dass ein deutscher Bundeskanzler
„ungehorsam“ gewesen wäre.
Der Faden, den Gerhard
Schröder zur Russischen Föderation geknüpft hat, darf nicht
durchgeschnitten werden. Russland ist mit seinen Ursprüngen und seiner
geschichtlichen Entwicklung zutiefst eine europäische Nation mit allen
Höhen und Tiefen, die dazu gehören. In der Russlandpolitik des Westens
ist ein Gefahrenpotential enthalten. Wer heute die Aufnahme der Ukraine
und Georgiens in die Nato befürwortet, der entzündet das Streichholz, um
die Lunte zum Pulverfass in Brand zu setzen.
Edmund Stoiber ist in
seiner Rede zum politischen Aschermittwoch am 5. März 2003 in seiner
Kritik an Gerhard Schröder noch einen Schritt weiter gegangen, und hat
die SPD in die Nähe Kaiser Wilhelms II. und sogar der NSDAP gerückt mit
der Begründung, die SPD habe mit ihrer Politik den „deutschen
Sonderweg“ beschritten.
Diese Feststellung kann
nicht mit Unwissenheit über historische Zusammenhänge entschuldigt
werden. Es sieht eher so aus, als habe sich der damals amtierende
bayerische Ministerpräsident mit solchen, die Geschichte fälschenden
Darstellungen bei den Amerikanern beliebt machen wollen.
Das Beispiel zeigt, wie
oft und gerne mit deutscher Geschichte umgegangen wird. Bevor ich
Mitglied der SPD wurde, war ich im konservativen „Lager“ unterwegs, da
wurde mir aber mehrfach bedeutet, ich sei unerwünscht. Ich habe in der
Haltung der SPD am 23. März 1933 oft Rückhalt gefunden, denn es ist
nicht leicht, innerlich mit dem fertig zu werden, was Hitler uns und
unserer Geschichte angetan hat. Jetzt möchte ich mich als Sozialdemokrat
bewähren. Willy Brandt hat einmal geäußert, in der SPD könne
jeder eine Heimat finden, unabhängig davon, ob er von Karl Marx oder von
der Bergpredigt herkomme.
Der ideelle Schaden, den
Hitler mit seiner Politik der deutschen Geschichte zugefügt hat, wiegt
um vieles schwerer als materielle Schaden. Vielfach ist die These
vertreten worden- und sie wird immer noch vertreten- die NS-Ideologie
sei in der deutschen Geschichte angelegt, und die darauf begründete
Herrschaft musste notwendiger Weise aus ihr hervorgehen. Dieses
Verfahren ist unzulässig und unredlich und dient eher propagandistischen
Zwecken. Eine solche Geschichtsdarstellung kann auch nicht den Anspruch
erheben, Wissenschaft zu sein. Der Nationalsozialismus hat
Wesensmerkmale der deutschen Geschichte in seine Ideologie eingebaut, um
so seinen Machtanspruch zu beflügeln. Es gibt deshalb aber keine
Rechtfertigung für die Methode, die deutsche Geschichte so lange zu
verbiegen, bis schließlich Hitler herausschaut. Das „Dritte Reich“ hat
keine Gemeinsamkeiten mit dem Ersten und dem Zweiten Reich.
Nicht selten ist Preußen
mit der NS-Ideologie auf eine Stufe gestellt worden. Eine solche
Interpretation darf nicht unwidersprochen bleiben. Die Jahrhundertwende
vom 18. zum 19. Jahrhundert bildete einen Höhepunkt deutscher Kultur-
und Geistesgeschichte. Die Salons jüdischer Frauen wie Henriette Herz,
Dorothea Veit und Rahel Varnhagen waren Zentren und Treffpunkte der
Geistesgrößen der Zeit. Das ist nur ein Beispiel, dem viele andere
hinzugefügt werden könnten.
Gotthelf Fischer der
Leiter der Fischer-Chöre, die vor Jahrzehnten um die Welt gereist sind,
um deutsche Herzen aufzumuntern, hatte sich bei einer Veranstaltung der
„Liebes-Parade“(Love-Parade) in Berlin unter die Teilnehmer gemischt. Er
wollte Toleranz beweisen mit dem Ergebnis, dass ihm in einem unbewachten
Augenblick Exstasy- Tabletten in das Getränk gekippt wurden. Das war für
den Chorleiter eine ganz neue Erfahrung, er sei für mehrere Tage „high“
gewesen, so wurde in der Presse berichtet. Jeder hat das Recht eine
kulturelle Richtung, wie sie von Gotthelf Fischer vertreten wird,
abzulehnen, aber nicht mit dem Hinweis auf Hitler, das ist unlauterer
kultureller Wettbewerb. Mir ist mehr als einmal das Argument begegnet
deutsche Volkslieder, das sei „Nazi-Kultur“. Die Bundesdeutsche
Gesellschaft ist ständig auf der Suche nach kulturellen Alternativen,
damit ja nicht irgendwo der Gedanke Platz greifen könnte, die Deutschen
wollten sich wieder Hitler annähern. So wird Hitler zum Maß aller Dinge.
Die Ergebnisse und Auswüchse dieser kulturellen Richtung sind eher
niederschmetternd. Sehr gefährlich ist auch die These von der
„Einzigartigkeit“ nationalsozialistischer Verbrechenspolitik. Dann
können alle Schandtaten der Menschheitsgeschichte in Vergangenheit,
Gegenwart und hoffentlich nicht auch noch in der Zukunft mit dem
Argument abgetan werden: Alles nicht so schlimm wie das, was das
Hitler-Regime vollbracht hat. Hitler als Deckel, mit welchem die
Schandtaten der gesamten Menschheitsgeschichte zugedeckt werden können.
Der ehemalige Erste
Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, Hennig Vorscherau, hat
am 10. April 2006 in einem umfangreichen Beitrag in der Tageszeitung
„Die Welt“ sinngemäß den Standpunkt vertreten, Deutschland und seine
Menschen hätten keinen Anspruch auf Nationalbewusstsein, da müssten erst
einhundert Jahre Naziherrschaft vergangen sein.
Ich halte diese
Einstellung für verfehlt. Inzwischen wächst die dritte
Nachkriegsgeneration heran, und es ist nicht einzusehen, warum Menschen,
die mit den Ereignissen im vorigen Jahrhundert gar nicht in Verbindung
gebracht werden können, solche Lasten auferlegt, und in ihrer Psyche
geistig eingeengt werden.
In besagten Artikel, hat
Vorscherau weiter eine Auffassung zur Airbus- Produktion eingenommen mit
der Feststellung, die Entscheidungsbefugnisse lägen allein bei
Frankreich in Toulouse. Mir sind Informationen zugegangen über
Absichten, wesentliche Elemente der Airbus-Produktion in die
Volksrepublik China zu verlagern.
Im März 1997 berichtete
der „Spiegel“ über amerikanische Abhöranlagen in Bad Aibling in Bayern
und die von dort betriebene Industriespionage.
Durch die Abhöranlagen
mit ihren Möglichkeiten hänge über Deutschland eine Glocke, unter der
jedes Fax und Telefonat kontrolliert werden könne. Als der BND etwas
dagegen unternehmen wollte, habe Helmut Kohl das verhindert mit dem
Hinweis, er werde das mit seinem Freund Bill Clinton regeln.
Wie solche „Regelungen“
dann aussehen ist hinreichend bekannt.
Wie Eingangs
angekündigt, werde ich kurz einiges erläutern zu den beigefügten
Schreiben. In meinem Schreiben an den Vorstand des Landesverbandes
Hamburg vom 2. Januar 2009 habe ich noch einmal das Thema Togo
angesprochen, weil meine Frau und ich davon berührt sind, aber nicht nur
deshalb. Meine Frau aus Togo ist katholisch, das ist ein Grund, warum
ich seit einigen Jahren regelmäßig den katholischen Gottesdienst
besuche. Ein beachtlicher Anteil der Gemeinde stammt aus Togo, die jeden
dritten Sonntag im Monat den Gottesdienst mitgestaltete.
Das ist alles zum
Erliegen gekommen. Einzelheiten zu dieser Entwicklung möchte ich jetzt
nicht schildern. Nur eins darf ich feststellen: Es ist erschütternd, und
hat oft genug Ängste ausgelöst.
Am 2. Februar 2009 ist
von mir ein Schreiben an den amerikanischen Präsidenten, Barak Obama,
ergangen. In der amerikanischen Gesellschaft haben sich in den letzten
fünfzig Jahren beachtliche Veränderungen vollzogen, mehr als in den
Jahrhunderten davor. In den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde
in den amerikanischen Südstaaten noch die Rassentrennung praktiziert.
Heute können wir sagen: Der Traum Martin Luther Kings ist in Erfüllung
gegangen. Die Afro- Amerikaner hätten im historischen Rückblick allen
Anlass zu einem Rachefeldzug gehabt. Allein die Sklaventransporte, die
über Generationen hinweg mit besonders dazu hergerichteten Schiffen( ein
Meter Deckenhöhe) betrieben wurden, hätten einen Anlass geboten. Aber
die amerikanische Gesellschaft ist nicht den Weg der Rache und der
Unvernunft gegangen. Es wäre gut, wenn Europa diesem Beispiel folgen
könnte, aber davon ist Europa noch weit entfernt, sehr weit sogar.
In meinem Leben ist es
zu einem schweren Zerwürfnis mit amerikanischer Politik gekommen, deren
Ursprung in theologischen Differenzen zu suchen ist. Theologie und
Politik sind in der amerikanischen Geschichte nicht strikt von einander
getrennt, wie auch jüngste Entwicklungen gezeigt haben. Es wäre aber
ungerecht, hierin nur ein amerikanisches Phänomen zu erblicken.
Der Erste Weltkrieg
wurde auf beiden Seiten ausgiebig mit theologischen Argumenten geführt.
Es galt dabei herauszufinden, wer den allmächtigen Gott auf seiner Seite
hätte.
Verständlicherweise war
eine solche Geisteshaltung dem christlichen Zeugnis nicht förderlich.
Die Evangeliumsbotschaft
ist eine universale Botschaft und nicht ein Instrument nationaler
Machtpolitik. Neben den „christlichen“ Nationalitäten sind auch die
unterschiedlichen christlichen Konfessionen aufeinander losgegangen.
Meine
Meinungsverschiedenheiten mit amerikanischen Kirchenorganisationen hat
in Deutschland Konsequenzen gehabt nicht nur aus den Kirchen und
Freikirchen heraus, sondern auch aus der Politik.
Meine Versuche, zu einer
Verständigung zu gelangen, sind mehrfach gescheitert. Die Amerikaner
lieben es nicht, wenn Kritik geübt wird an ihrer Geschichte. 1975 ist
ein Vermittlungsversuch an der amerikanischen Griechenland- und
Zypernpolitik gescheitert. Mit dieser Politik haben die Amerikaner eine
Mine gelegt, die immer noch nicht entschärft ist.
In den 60er Jahren des
vorigen Jahrhunderts war in der Bundesrepublik der Streit zwischen „Atlantikern“
und „Gaulisten“ auf das heftigste entbrannt. Ludwig Erhard befürwortete
ein engeres Zusammengehen mit Amerika, was den deutsch-französischen
Beziehungen nicht in dem Maße gerecht wurde, wie es in dem Vertragswerk
von 1963 vorgesehen war. Erhards Sympathien stießen in Amerika nicht auf
die gleiche Gegenliebe. Zu seiner großen Enttäuschung wurde ihm bei
Weihnachtsliedern das milliardenschwere Paket der Stationierungskosten
abgetrotzt. Helmut Schmidt hat sich später nicht erweichen
lassen.
Er war der Auffassung,
die Amerikaner könnten ihre Truppen abziehen, wenn sie der Überzeugung
anhingen, ihre Militär- Präsens sei nur für den Schutz Europas gedacht.
Helmut Schmidt hat dann den Zug auf die europäische Schiene gesetzt.
Eine weitere Anmerkung
soll dem Hinweis auf das beigefügte Schreiben vom 26. September 2008 an
den Vorstand SPD-Landesverbandes Hamburg gelten. In dem letzten Satz
darin ist der Vatikan angesprochen. Ich war innerlich bewegt als
Kardinal Ratzinger als Benedikt XVI. auf dem Balkon der Peterskirche
erschien. Aber die Ernüchterung folgte bald. Es sollen hier nicht alle
seine Äußerungen kommentiert werden. Enttäuschend war der
Alleinvertretungsanspruch, den er in Anspruch genommen hat, in dem
wahrer Glaube eben nur in der katholischen Kirche gefunden werden könne.
Äußerst peinlich waren auch die Ereignisse um den Pius-Bruder
Williamson. Der venezolanische Präsident, Hugo Chavez, war sehr erbost
über die Äußerung Benedikts XVI., die Ureinwohner des amerikanischen
Kontinents hätten der Kirche eine segensreiche Entwicklung zu verdanken.
Was den Ureinwohnern des amerikanischen Kontinents angetan worden ist,
als Segnungen anzupreisen, das ist reichlich übertrieben.
Hugo Chavez hat
immerhin, umgeben von Moslems im Herzen der moslemischen Welt, das Kreuz
geschlagen. Worüber einige führende Vertreter der moslemischen Welt
mindestens erstaunt waren.
Abschließend erlaube ich
mir den Hinweis auf die beigefügte Veröffentlichung eines Leserbriefes
im „Vorwärts“. Es war das erste Mal, dass ein Presseorgan eine von mir
vertretende Tendenz veröffentlich hat. So muss einem Steinzeitmenschen
zumute gewesen sein, wenn es ihm gelungen war, trotz widriger Umstände
und Witterungsbedingungen, einen Funken loszuschlagen, um ein Feuer zu
entzünden, das für ihn unentbehrlich geworden war.
Vorgestern konnte ich
leider nicht nach Berlin kommen.
Am 24. April 2009 ist
eine Veranstaltung der SPD an der Universität Hamburg über Möglichkeiten
zum Studium an europäischen Universitäten, zu der ich mich angemeldet
habe.
Mit
Hoffnungen und sozialdemokratischem Gruß, Heinz Drews
Heinz
Drews
Hamburg, den 22. März 2010
Trittauer Amtsweg 42
22179 Hamburg
Herrn
Sigmar Gabriel
Bundesvorsitzender der Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands
Wilhelmstraße 140
10963 Berlin
Lieber Sigmar!
Deinen Vortrag zur Mitgliederversammlung am 5.
März 2010 und deine Kommentierung zu den Diskussionsbeiträgen habe ich
wohltuend empfunden.
Nach deiner eigenen
Aussage gibt es in der Partei aber noch eine Reihe von Baustellen, die
geplant und neu errichtet werden müssen oder reparaturbedürftig sind.
Meinem heutigen
Schreiben an dich habe ich die Wahlkampfzeitung zur Wahl zum
Studierendenparlament der Universität Hamburg beigefügt. Auf Seite 30
ist meine Listendarstellung zu finden und drei von mir entworfene
Flugblätter. Dreimal habe ich mich an solchen Wahlen als Einzelkämpfer
beteiligt: 2008. 2009 und 2010. Es war für mich eine gute Gelegenheit
meine Positionen, die abweichen von dem, was die Parteienlandschaft in
diesem Lande bietet, einem größeren Publikum bekannt zu machen. Das
Ergebnis meiner Bemühungen war äußerst dürftig, meinen Stimmenanteil
betreffend.
Mein Geschichtsstudium
habe ich im Hauptfach Geschichte und den Nebenfächern Sozial- und
Wirtschaftsgeschichte und Theologie im März vorigen Jahres mit MA
abgeschlossen zum Thema: „Die Verbindung von nationaler Frage und
sozialer Problematik in der frühen deutschen Arbeiterbewegung (1860er
Jahre bis 1875)“. Jetzt arbeite ich an meiner Dissertation zum Thema:
„Der Volksstaat“, dem Presseorgan der „Sozialdemokratischen Partei und
der Gewerkschaften“ von 1869 bis 1876.
Die politische Linie,
die in meinen Veröffentlichungen sichtbar wird, hat seit zweieinhalb
Jahrzehnten zu leidvollen Kontroversen geführt. Bis in die unmittelbare
Gegenwart hält sich hartnäckig das Gerücht, verbunden mit Behauptungen,
ich sei ein Nazi. Erst im August vorigen Jahres ist es mir auf
handgreifliche Weise unter demütigenden Begleitumständen unterstellt
worden. Meine Veröffentlichungen geben zwar keinen Anlass, um solche
Verdächtigungen und Behauptungen zu rechtfertigen, aber sie geschehen
dennoch.
Meine Intention ist es
ja gerade, einer erneut aufkommenden NS-Ideologie entgegen zu treten.
Das Gefahrenpotential, das von den Neonazis ausgeht, sollte nicht
unterschätzt werden.
Die Aufrichtigkeit
meiner Bemühungen wird allerdings immer wieder in Zweifel gezogen. Ein
Beispiel soll das verdeutlichen: In den neunziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts habe ich mich mehrfach mit dem kürzlich zurück getretenen
Hamburger Bausenator, Dr. Michael Freytag, getroffen, einmal auch im
Hamburger Rathaus. Herr Freytag eröffnete mir, meine Darstellungen
historischer Ereignisse könnten auch so verstanden werden, als wollte
ich über meine Kritik an den Siegermächten des Ersten Weltkrieges, die
das Hitler-Regime begünstigt haben, zur Rechtfertigung und
Rehabilitierung der NS-Herrschaft heranziehen. Meine Kernthese gipfelt
darin, dass die Siegermächte des Ersten Weltkrieges Hitler in
großzügiger Weise alles zugestanden haben, was sie dem demokratischen
Staat der Weimarer Republik verweigert hatten.
Entsprechende
Veröffentlichungen haben 1989 und 1991 in Hamburg zu zwei
Entmündigungsverfahren geführt. Zweimal habe ich mich an den
Petitionsausschuss der Hamburger Bürgerschaft gewandt. Im Juni 1993 und
im April 2000 ist das Ergebnis der Untersuchung des Petitionsausschusses
der Hamburger Bürgerschaft vorgelegt worden. Der Ausschuss hatte der
Bürgerschaft in beiden Fällen empfohlen: „zur Tagesordnung über zu
gehen“. Eine Diskussion hat daher nicht stattgefunden. Es handelte sich
nicht um eine parteipolitische Auseinandersetzung. Alle in der Hamburger
Bürgerschaft vertretenen Parteien haben sich meinen Veröffentlichungen
gegenüber ablehnend verhalten.
Alle gegen mich
gerichteten Angriffe in Vergangenheit und Gegenwart geschahen und
geschehen unter der Maßgabe, ich sei ein Nazi. Solche Angriffe werden
aber im Verborgenen
vorgetragen, und das
werte ich zu meinen Gunsten, um Unterstellungen die Grundlage zu
entziehen. Vielfach wird auch die Befürchtung vertreten, die rechte und
rechtsradikale Szene könnten aus meinen Darstellungen historischer
Vorgänge in ihrem Sinne nutzen ziehen. Diese Befürchtung teile ich
nicht. Meine Darstellungen sind dem rechts außen stehenden politischen
Spektrum bekannt. Wenn dieses politische Umfeld Verwendungsmöglichkeiten
für sich gesehen hätte, dann hätte es längst davon Gebrauch gemacht.
Im August und September
1994 hatte ich einen Schriftwechsel mit dem damals amtierenden
Außenminister, Dr. Klaus Kinkel. Er hatte ein von mir an ihn gerichtetes
Schreiben ausführlich persönlich beantwortet. Das zentrale Thema war auf
aufkommende neonazistische Tendenzen gerichtet. Klaus Kinkel beschrieb
die Gefahr, die für das Ansehen Deutschlands bestünde, wenn
neonazistische Tendenzen sich ausbreiteten. Er hat mir zwar nichts
unterstellt, aber der warnende Unterton in seinem Schreiben an mich war
nicht zu überhören. Ich habe darauf geantwortet. Der gesamte
Schriftverkehr ist im Internet veröffentlicht.
Ein Schwerpunkt meiner
Veröffentlichungen bildet der historische Zeitraum zwischen den beiden
Weltkriegen im vorigen Jahrhundert. In der Freien und Hansestadt Hamburg
wurden 1989 und 1991 zu zwei Entmündigungsverfahren gegen mich
betrieben, offenkundig mit dem Ziel, meine politische Tätigkeit zu
unterbinden. Das Unternehmen ist zwar gescheitert, aber die Konsequenzen
waren dennoch weit reichend und hatten einen umfangreichen und lang
andauernden Rechstreit gegen die Freie und Hansestadt Hamburg zur Folge.
Die Tätigkeit des Landgerichtes Hamburg und des Hanseatischen
Oberlandesgerichtes hat zum Bundesverfassungsgericht geführt. Die letzte
Entscheidung fiel am 24. November 2006 vor dem Bundesverfassungsgericht,
an der auch der damals amtierende Präsident des
Bundesverfassungsgerichtes, Prof. Dr. Dres. Hans-Jürgen Papier,
mitgewirkt hat. Das Bundesverfassungsgericht hat meine Beschwerde nicht
zur Entscheidung angenommen. Danach hat noch ein Schriftwechsel mit dem
Bundesverfassungsgericht stattgefunden. Dazu war das
Bundesverfassungsgericht nicht verpflichtet, es hat mir aber in einem
Schreiben eingeräumt, ich könne die Entscheidung kritisch werten und
begleiten. Die Auseinandersetzungen in Hamburg mit der Politik, den
Organen der Exekutive, Legislative und Judikative waren anstrengend und
heftig, darum werden mir auch gemeinhin in Hamburg keine großen
Sympathien entgegen gebracht.
Jetzt muss ich noch
einmal ausholen und einen Ausflug in die Vergangenheit unternehmen, um
dann Bezüge zur Gegenwart herzustellen.
Im Frühjahr 1986 haben
meine Kinder aus erster Ehe eine privat betriebene französische Schule
mit Kindergarten besucht. Die Kinder waren im Alter von neun und sechs
Jahren und mussten Schule und Kindergarten abrupt von einem Tag zum
anderen auf Betreiben der zuständigen Hamburger Behörde verlassen.
Die eigentliche
Initiative war aber vom Französischen Generalkonsulat ausgegangen. Die
Hamburger Behörden wären nicht verpflichtet gewesen, wie in diesem Fall,
dem Ansinnen einer diplomatischen Vertretung zu entsprechen.
In der Nacht vom 29. zum
30. November 2008 hatte meine Frau aus erster Ehe telefonisch Kontakt
auf genommen mit meiner Frau. Das Gespräch dauerte wohl eine Stunde und
wurde in französischer Sprache geführt. Meiner Frau wurde darin erklärt
unter Hinweis auf meine Veröffentlichungen im Internet, unter Anwendung
drastischer Formulierungen, ich sei geistesgestört. Darüber hinaus
schilderte sie, wie sie im Frühjahr 1986 das Französische
Generalkonsulat in Hamburg aufgesucht und mit dem französischen
Generalkonsul gesprochen habe mit dem Ziel, die Kinder von der
französischen Schule zu entfernen. Dem Direktor der Schule war
mitgeteilt worden, nicht nur von meiner damaligen Ehefrau, sondern auch
aus dem griechischen Bekanntenkreis heraus, ich sei ein Nazi. Auch dem
Französischen Generalkonsulat ist solche Unterstellung hinterbracht
worden.
Meine Frau aus erster
Ehe besaß zum Zeitpunkt der Eheschließung 1967 die griechische und die
israelische Staatsbürgerschaft, was in der Ehe zu leidvollen politischen
Kontroversen geführt hat, genau wie jetzt mit meiner Frau aus Togo. In
beiden Fällen sind die Differenzen nicht im persönlichen Bereich zu
suchen, sondern wurden und werden von außen heran getragen.
Zu den Ereignissen in
Togo habe ich mit Datum vom 11. März 2010 jeweils ein Schreiben an die
Französische Botschaft und an die Botschaft der Republik Togo gerichtet.
Beide Schreiben habe ich zu deiner Information als Kopien beigefügt.
Die darin beschriebenen
Ereignisse in Togo sind der deutschen Öffentlichkeit verborgen
geblieben. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein Grund ist die Befürchtung,
die rechtsradikale Szene könnte die Möglichkeit nutzen und sich darüber
hermachen. Ich teile diese Befürchtung nicht. Ich habe auch kein
Verständnis für die außenpolitische Zurückhaltung gegenüber der
togolesischen Regierung, die von den verschiedenen Bundesregierungen in
dieser Frage ausgeübt worden ist. Mit dem Hitler-Regime im Blickfeld
fühlen sich deutsche Bundesregierungen verpflichtet, sich selbst einem
afrikanischen Despotismus zu unterwerfen.
Am 22. und 23. August
vorigen Jahres bin ich von meiner Frau aus Togo angegriffen worden unter
ständiger Beschimpfung, ich sei ein Nazi. Ich verzichte darauf die
demütigenden Begleiterscheinungen im Einzelnen zu schildern. Ich hatte
eingangs meines Schreibens bereits darauf hingewiesen. Kurze Zeit darauf
sprach meine Frau aus erster Ehe auf den Anrufbeantworter meines
Mobiltelefons und beschimpfte mich im Stile einer Fäkaliensprache als
Nazi. Das Zusammentreffen dieser beiden Ereignisse war nicht zufällig.
Wer als Deutscher einen
Menschen anderer Nationalität in ähnlicher Weise bezeichnet- es gibt
dazu ein entsprechendes Vokabular- dann gilt das als strafbare
Handlung. Das finde ich richtig, nur müsste es umgekehrt auch gelten,
denn die Bezeichnung „Nazi“ enthält mehr als nur eine Beleidigung. Das
ist leider nicht der Fall; ich bin mehrfach gescheitert mit dem Versuch
rechtliche Klärung zu schaffen.
Helmut Schmidt hat vor
Kurzem in einer Fernsehgesprächsrunde sinngemäß ausgeführt, Deutsche
hätten kein Recht auf Nationalbewusstsein, das sich aus der deutschen
Geschichte speist, da müssten noch zwei Generationen vergehen. Ich habe
die Sendung selbst nicht gesehen, sondern aus dritter Hand davon
erfahren. Ich schätze Helmut Schmidt, darum will ich hier auch keine
Kritik formulieren. Er steht mit solcher Auffassung nicht alleine da.
Hennig Vorscherau hat in
einem Beitrag für die Tageszeitung „Die Welt“ am 10. April 2006 den
Menschen in Deutschland das Recht abgesprochen, ein Nationalbewusstsein
zu formulieren, da müssten erst einhundert Jahre NS-Herrschaft vergangen
sein. Ich habe dazu im Internet Stellung genommen. Bei einem Empfang der
SPD-Bürgerschaftsfraktion im Hamburger Rathaus habe ich Hennig daraufhin
angesprochen. Er meinte, es läge bei mir ein Missverständnis vor. Es
bestand keine Möglichkeit, das Gespräch weiter zu vertiefen.
Am 15. November 1949 kam
es in der 17. Sitzung des Deutschen Bundestages über das Petersberger
Abkommen und die Westintegration zu einer Kontroverse zwischen Kurt
Schumacher und Konrad Adenauer. Beide bezichtigten sich der Sympathien
für den Nationalsozialismus. Adenauer rückte Schumacher in die Nähe des
Nazi-Führers Gregor Strasser. Die gegenseitigen Verdächtigungen waren
grundlos und haltlos. Beide Politiker, die am Anfang einer großen
Erfolgsgeschichte stehen, haben in dieser Bundestagssitzung eine
gigantische politische Fehlleistung vollbracht. Dieser Politikstil zieht
sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Bundesrepublik bis in
die unmittelbare Gegenwart.
Am 5. März 2003 hat der
bayerische Ministerpräsident, Edmund Stoiber, die Regierung
Bundeskanzler Schröders bezichtigt, sie beschritte den „Deutschen
Sonderweg“. Die Sonderwegthese besagt, Bismarcks Politik zur deutschen
Einheit habe das Hitler- Regime vorbereitet. Ich lehne diese These ab,
sie lässt sich durch historische Fakten nicht belegen und stützt sich
auf eine willkürliche Interpretation, um es ganz gelinde zu sagen. Die
Fehlleistung Edmund Stoibers in seiner Rede besteht in einer
Geschichtsfälschung der besonders groben Art, alles nur, um sich bei den
Amerikanern beliebt zu machen.
Die SPD mit ihrer
Geschichte mit der Sonderwegthese in Verbindung zu bringen ist einfach
unzulässig. Wilhelm Liebknecht und August Bebel waren Bismarcks
schärfste Kritiker, was zu Verfolgungsmaßnahmen vor und während der
Dauer des Sozialistengesetzes geführt hat.
Vor und während der
NS-Herrschaft haben Sozialdemokraten Leib und Leben eingesetzt, um
politischem Unrecht und einer verbrecherischen Herrschaft zu
widerstehen, und es waren nicht wenige, die diesen Weg gegangen sind.
Internationale Solidarität hat es nicht gegeben, nicht einmal von
sozialdemokratischer Seite. Die SPD hat gerade vor ihrem historischen
Hintergrund nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, den Menschen
in Deutschland das nötige Selbstvertrauen einzuflößen. Leichtfertige
Äußerungen, wie sie unlängst von Pierre Steinbrück und Franz Müntefering
zu vernehmen waren, sind verwerflich und ein Hindernis.
Abschließend noch der
Hinweis auf das beigefügte Schreiben an Klaus von Dohnanyi vom 16.
Februar 2010. Ich habe mich auch mit Matthias Petersen, Ingo Egloff und
Hennig Vorscherau getroffen. Auch mit Olaf Scholz habe ich auf dem
Landesparteitag am 27. Februar 2010 einige Worte gewechselt und ein
Treffen vorgeschlagen. Die Hamburger Genossen wirken etwas betreten,
wenn ich sie anspreche.
Wir sollten alle
miteinander Reden zum besseren Verständnis und um Missverständnisse
auszuräumen. Wenn Du dazu einen Beitrag leisten könntest, wäre ich sehr
dankbar.
Ein Wort noch zum
Ausstieg aus der Atomenergie. Du hast ja auf dem Landesparteitag, die
Möglichkeit der freien Diskussion darüber in der Partei nicht abgelehnt.
Für mich sind die Argumente der Ausstiegsbefürworter unglaubwürdig und
unaufrichtig. Es wird dazu die Befürchtung geäußert, es könne wieder zu
einer politischen Prügelkultur kommen wie in den sechziger und siebziger
Jahren des vorigen Jahrhunderts. Die Befürchtung besteht allerdings zu
Recht. Es gibt sogar politische Persönlichkeiten, die diese „Kultur“
dazu genutzt haben, die politische Karriereleiter zu erklimmen. Die
Herausforderungen, die mit der friedlichen Nutzung der Atomenergie
bestehen, werden durch einen isolierten Ausstieg Deutschlands aus der
Atomenergie nicht beseitigt. Die naive Hoffnung, andere könnten dem
guten Beispiel Deutschlands folgen, hat sich als trügerisch erwiesen.
Die Hoffnung ist zu naiv, als das ihr Vertrauen und Glaubwürdigkeit
entgegen gebracht werden könnte.
Auf dem
Weltwirtschaftsgipfel in St. Petersburg wurde es Deutschland
anempfohlen, die Atomenergie zu nutzen.
Später sind solche
Empfehlungen auch von der EU und sogar von Seiten der UNO ausgesprochen
worden.
Mit besten Wünschen und
Grüßen, Heinz Drews
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Betreff: |
Treffen |
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Von: |
<ha.dew@t-online.de> |
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An: |
"Hans-Ulrich Klose" <hans-ulrich.klose@bundestag.de> |
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Datum: |
17. May 2010 17:55 |
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Lieber Hans-Ulrich Klose!
Am 27. April 2010 haben wir nach deinem Vortrag
und der darauf folgenden Diskussion kurz miteinander gesprochen. Wir
waren überein gekommen, einen schriftlichen Meinungsaustausch
vorzunehmen. Dazu habe ich folgende Schreiben ausgewählt und beigefügt:
- Schreiben an Sigmar
Gabriel vom 22. März 2010
- Schreiben an
Bundespräsident Köhler vom 31. März 2010. Das Schreiben ist beantwortet
worden.
- Schreiben an die
Französische Botschaft vom 11. März 2010
- Schreiben an die
Botschaft der Republik Togo vom 11. März 2010
Es ist meine Absicht,
mit diesen beiden Schreiben das Französische Generalkonsulat
aufzusuchen, um ein klärendes Gespräch zu führen.
- Schreiben an die
Portugiesische Botschaft vom 6. Mai 2010.
Ähnlich lautende
Schreiben sind auch an die Belgische und Italienische Botschaft
ergangen.
Ich habe in jüngster
Vergangenheit natürlich viel mehr verfasst als diese oben erwähnten
Schreiben.
Zu meinem Schreiben an
Sigmar Gabriel sind einige erläuternde Zusätze nötig. Ich bemühe mich in
Hamburg um persönliche Kontakte, um die entstandenen Gegensätze diskret
und unverbindlich zu überwinden. Konfrontation und Polarisierung will
ich vermeiden. Das wird nicht leicht sein, aber ich sehe zuversichtlich
die Möglichkeit. Die Genossen in Hamburg sind über meine
Veröffentlichungen betrübt, um es liebevoll zu umschreiben. Der fällige
Mitgliedsbeitrag ist am 1.Mai 2010 nicht abgebucht worden, Am 27. Januar
2010 habe ich mich mit Hennig Vorscherau in seinem Büro getroffen. Mit
Matthias Petersen und Ingo Egloff habe ich mich während einer
Bürgerschaftssitzung getroffen und mit Ingo Egloff einmal im Rathaus.
Henning hatte in einem
Beitrag für die Tageszeitung „Die Welt“ am 10. April 2006 die Auffassung
vertreten, die Menschen in Deutschland hätten keinen Anspruch auf ein
Nationalbewusstsein, da müssten erst einhundert Jahre NS-Herrschaft
vergangen sein. Ich habe ihn daraufhin im Dezember 2009 anlässlich eines
Empfanges der Bürgerschaftsfraktion im Rathaus angesprochen, er meinte,
ich habe da etwas missverstanden. Im Internet habe ich dazu Stellung
genommen. Hennig hat ferner in dem besagten Beitrag den Standpunkt
vertreten, die Entscheidungen über die Airbusproduktion lägen
ausschließlich in Toulouse. Frankreich hat nicht das Recht,
selbstherrlich über die Abläufe der Produktion zu entscheiden, die
geschlossenen Verträge geben das nicht her. Mir sind Informationen
zugegangen über eine beabsichtigte Verlagerung der Airbusproduktion nach
China. Auch hierzu habe ich mich im Internet geäußert.
Am 25. März 2010 hat
Hans Eichel im Kurt-Schumacher-Haus einen Vortrag gehalten zur Krise in
Griechenland, bei dem auch die griechische Generalkonsulin zugegen war.
Ich habe gegenüber der
Griechischen Botschaft dazu Stellung genommen.
Hans Eichel räumte im
Verlaufe seiner Ausführungen ein, die Maastricht-Verträge seien
geschlossen worden, um französischen Befürchtungen zu begegnen über
einen deutschen Machtzuwachs durch die Wiedervereinigung. Also doch!
Hans Eichel warb um Verständnis für die französischen Ängste. Diesen
Standpunkt kann ich nicht teilen. Es führt im Rahmen dieses Schreibens
zu weit, einen Ausflug in die Geschichte zu unternehmen. In der
Diskussion am 27. April im Gewerkschaftshaus habe ich dich auf das
Münchener Abkommen hingewiesen. Gustav Stresemann hat kurz vor seinem
Tode dem britischen Journalisten Bruce Lockart gegenüber geäußert: „Ich
habe euch alles gegeben, (gemeint waren die Siegermächte des Ersten
Weltkrieges) ihr habt mir nichts gegeben.“ So war es, alles was die
Siegermächte des Ersten Weltkrieges der Weimarer Republik verweigert
hatten, wurde Hitler großzügig zugestanden. Er bekam alles, was immer er
nur wollte, bis die Katastrophe zur Vollkommenheit geraten war. Ein
kleiner Schritt nur wäre nötig zu einem besseren Verständigungsprozess,
aber die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges sind dazu nicht bereit.
Eine bis zur Abnormität betriebene deutsche Unterwürfigkeit ist hier
mitverantwortlich.
Hans Eichel hat in
seinem oben angesprochenen Vortrag den Vorschlag unterbreitet, die
europäische Außenpolitik sollte von Frankreich bestimmt werden. Er liegt
damit mit Bundeskanzler Helmut Schmidt auf einer Linie. Ähnlich wie
Hennig Vorscherau hat auch Helmut Schmidt den Deutschen das Recht
abgesprochen auf ein Nationalbewusstsein, das sich aus der deutschen
Geschichte speist. Ich lehne es ab, die deutsche Geschichte auf Adolf
Hitler zu reduzieren.
Die SPD hat dazu am
wenigsten Anlass. Sie hat Hitler als einzige Partei am 23. März 1933 im
Reichstag die Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz verweigert. Schon im
Vorfeld zu den Reichstagswahlen am 5. März 1933 erfolgte eine
Verhaftungswelle im gesamten Reich unter den SPD- Mitgliedern. Eine
internationale Solidarität hat es nicht gegeben, nicht einmal von
sozialdemokratischer Seite.
Im Vorfeld zur
Volksabstimmung über die Maastricht-Verträge in Frankreich am 20.
September 1992 ließ ein maßgebliches französisches Presseorgan „Le
Figaro“ verlauten: „Deutschland wird zahlen, sagte man in den zwanziger
Jahren. Deutschland zahlt heute. Maastricht, das ist der Versailler
Vertrag ohne Krieg“. Der Satz erschien am 19. September 1992 dick
gedruckt auf der ersten Seite in der Tageszeitung „Die Welt“.
Bei dem letzten Treffen
der europäischen Staatschefs soll Präsident Sarkosy eine drohende
Haltung gegenüber Bundeskanzlerin Merkel eingenommen haben.
Französische, spanische und deutsche Regierungsstellen dementierten
zwar, aber es sickert immer wieder etwas durch.
Vor dem Hintergrund
dieser in wenigen Sätzen geschilderten Ereignisse müssen auch die
Erlebnisse gesehen werden, die meiner Frau aus Togo und mir beschieden
waren. Zuerst meine Frau in Togo, und dann meine Frau und ich in
Deutschland. Was wir erlebt haben, übersteigt das Fassungsvermögen. Was
ich in den beigefügten Schreiben an die Französische und Togolesische
Botschaft dargestellt habe, ist keine Übertreibung. Ich werde das nicht
widerspruchslos hinnehmen. Drei Bundesregierungen lassen sich von einem
afrikanischen Familienclan, der mit militärischer Gewalt und Folter an
die Macht gelangt ist und sich so an der Macht gehalten hat, vorführen.
Der Arm der Machthaber in Togo reicht bis in den Geltungsbereich des
Grundgesetzes. Die Demütigungen werden von Deutschland ertragen mit
Rücksicht auf Frankreich, mehr muss dazu nicht gesagt werden.
Abschließend noch ein
Wort zur Partei „Die Linke“. Ich war für ein Zusammengehen der SPD mit
der Linkspartei. Das hat sich geändert. In der Vergangenheit habe ich
mehrfach an Oscar Lafontaine geschrieben. Er hat zweimal persönlich
geantwortet. Diese Antworten haben bei mir einen Eindruck hervorgerufen,
der sich nicht bestätigt hat.
Gesine Lötsch sprach im
Laufe des Parteitages in Rostock über eine Einladung, die von der
„Linken“ an die Botschafter der vier Siegermächte: Frankreich,
Großbritannien, Russland und USA ergangen war zum 65. Jahrestag der
deutschen Kapitulation, der diese auch Folge leisteten, um den Dank der
Linkspartei für die Befreiung 1945 entgegen zu nehmen. Auch in diesem
Punkt treibt „Die Linke“ die übrigen Parteien im Bundestag vor sich her.
Da sind wir also wieder, wer diese Version nicht kritiklos hinnimmt, der
muss mit üblen Verdächtigungen rechnen.
„Die Linke“ hat noch
mehr im Programm: Freigabe der Drogen, Abschaffung der Bundeswehr,
Einstellung aller Rüstungsproduktion. Mit einem Wort: Deutschland
wehrlos machen, damit jeder nach Belieben mit Deutschland verfahren
kann, wie es jetzt schon vielfach geschieht. Soldaten und Armeen sind
nicht die Ursache zum Krieg, sonst könnte noch jemand sagen, die Polizei
sei die Ursache für die Kriminalität.
Gerhard Schröder ist mit
seiner Agenda 2010 ausufernden Ansprüchen begegnet, und hat somit
Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit gestärkt. Leider hat er auch die
kapitalistischen Raubtiere aus dem Käfig gelassen: Hegde- Fonds, Privat
Equity- Fonds und steuerfreie Veräußerungen von
Unternehmensbeteiligungen. Das Große Geld hat es ihm nicht gedankt. Das
Kapital ist nicht in Investitionen geflossen, sondern anderswo hin.
Ich wünsche mir für NRW
eine große Koalition, die Herausforderungen, die auf Deutschland
zukommen, werden ein starkes Bündnis nötig haben.
Noch einen Satz, der mir
spontan einfällt. Dankbar und begrüßenswert empfand ich in deinem
Vortrag die Äußerungen über Papst Johannes Paul II.
Mit solidarischem Gruß,
Heinz Drews
Anlagen:
· Bundespräsident 31.03.10
· FR 11.03.10
· Gabriel 22.03.10
· Pt 06.05,10
· Togo 11.03.10
Hans-Ulrich Klose, an
den dieses Schreiben per e Mail ergangen ist, war Erster Bürgermeister
der Freien und Hansestadt Hamburg von 1974 bis 1981, und ist
stellvertretender Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Deutschen
Bundestag.
In einem Telefonat mit
seinem Büro wurde mir eine Beantwortung des Schreibens zugesichert. Die
Zusicherung wurde später wieder zurückgenommen. Nicht immer, aber in den
meisten Fällen werden meine Anliegen ignoriert.
Das gilt für alle
Parteien und politische Persönlichkeiten. Mir wird der Vorwurf gemacht
meine Formulierungen lassen eine notwendige diplomatische
Rücksichtsnahme vermissen.
„Stille Diplomatie“ wird
schon seit Jahrzehnten von der Deutschen Politik betrieben. Das Ergebnis
dieser Politik ist dürftig, und steht vor unser aller Augen. Der
europäische Selbstzerfleischungsprozess wird fortgesetzt, obgleich er im
vorigen Jahrhundert zu zwei flächendeckenden Welt- und
Massenvernichtungskriegen geführt hat.
Joachim Gauck hat
während seiner Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten im Fernsehen
den Satz geäußert: "Eine Versöhnung ohne Wahrheit gibt es nicht."
Solange die
Wahrheit unterdrückt wird, solange wird den Völkern der Weg zu einer
wirklichen Verständigung versperrt. Und diese Sperre soll beibehalten
werden, auch für zukünftige Generationen.
|
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Betreff: |
Togo |
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Von: |
<ha.dew@t-online.de> |
|
An: |
"Knut Fleckenstein" <europa@knut-fleckenstein.eu> |
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Datum: |
28. May 2010 10:43 |
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Lieber Knut!
Wir sind uns am 3. Mai 2010 beim Empfang der
Bürgerschaftsfraktion im Rathaus begegnet. Ich hielt es für
unangebracht, dir das Anliegen vorzutragen, das diese e Mail zum Inhalt
hat, schon gar nicht öffentlich.
Am 17. Mai 2010 habe ich
eine e Mail an Hans-Ulrich Klose gerichtet, die ich beigefügt habe,
woraus du alles weitere entnehmen kannst. Ich möchte deine
Aufmerksamkeit besonders auf die Schreiben richten, die am 11. März
2010 an die Französische Botschaft und an die Botschaft der Republik
Togo ergangen sind. Gerade habe ich auch an Ingo Egloff eine e Mail
geschickt.
Mir liegen Informationen
über Entscheidungen in Brüssel vor, die darauf abzielen, die Ereignisse
in Togo in den letzten fünf Jahren vor der Öffentlichkeit zu verbergen.
Inwieweit du davon Kenntnis hast, kann ich nicht beurteilen.
Meine Frau aus Togo und
ich haben im Januar 2005 in Togo die Ehe geschlossen. Was meine Frau
danach in Togo in Zusammenhang mit dem Anschlag auf das Goethe-Institut
in Lomé im April 2005, und dann auch nach ihrer Einreise in Deutschland
erleben musste, ist einfach unfassbar. Ich verzichte darauf die
Einzelheiten mitzuteilen. Es war einfach grausam.
Ich habe die
Bundesregierung beim Verwaltungsgericht Berlin verklagt. Die Klage ist
angenommen worden. Ich halte es für unzumutbar und unerträglich, wenn
die Machthaber in Togo, die sich auf militärische Gewalt und Folter
stützen, ihre Aktivitäten auf den Geltungsbereich des Grundgesetzes
ausdehnen.
Ich würde es zutiefst
bedauern, wenn die Genossen in Berlin und Hamburg nicht zu dieser
Einsicht kämen.
Mit solidarischem Gruß,
Heinz Drews
Anlagen: ● Treffen
Knut Fleckenstein ist
Abgeordneter im Europaparlament für den zuständigen Wahlkreis in
Hamburg.
Im EU-Raum
herrscht über die Ereignisse in Togo Publikationsverbot, dem sich die
Medien besonders in Deutschland willig unterwerfen. Die Ereignisse
müssen vor einem historischen Hintergrund gesehen werden. Das
Publikationsverbot ist in Brüssel von Frankreich durchgesetzt worden. Es
zeigt welchen „Einfluss“ die französische Politik in Brüssel
durchzusetzen vermag. Frankreich genießt eben Sonderechte, die anderen
EU-Mitgliedsstaaten nicht zugestanden werden. Am 21. Juli 2010 weilte
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in Paris. Im Zuge der
Verhandlungen wurde EU-Mitgliedern Strafe angedroht, wenn sie es
versäumen sollten, die Konvergenz- Kriterien von Maastricht einzuhalten.
Allein die Drohung ist schon vertragswidrig. Aber wen stört das schon?
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